Lippenlesen oder Kino

Der Vorspann läuft, mit schöner Musik und schönen Bildern, die Namen flimmern über den Bildschirm. Dann endlich beginnt der Film, man sieht zwei Männer in einer Kneipe sitzen. Die Kamera zoomt näher heran, einer der Männer nimmt einen grossen Schluck aus seinem Bierglas und fängt an zu sprechen. Nein, falsch, nur seine Lippen bewegen sich, seine Stimme aber setzt erst drei Sekunden später ein, wenn schon die nächste Einstellung gezeigt wird. Und so läuft der Film gnadenlos weiter, ohne dass auch nur einmal die Stimmen zu den Lippenbewegungen passen würden oder das Gläserklirren zu den Trinkbewegungen. Es ist eine Qual. Halblegales Filme schauen im Internet kann eine Tortur sein. Zuerst verschwendet man wichtige Zeit darauf, einen funktionierenden Stream für den Film zu finden und dann muss dieser eine Ewigkeit laden, so dass man sich während dessen anderen Dingen widmet – im schlimmsten Falle sogar wichtigeren – und dann kommt man zurück, startet den Film und nach einer Minute stellt man fest, dass die Tonspur verschoben ist. Und man darf sich nicht beschweren, es ist ja kostenlos! Nun, ich tue es trotzdem: Wie kommt einer oder eine dazu den Schritt in die Illegalität zu wagen, nur um dann einen Film hoch zu laden, dessen Tonspur verschoben ist. Egal wie man es dreht und wendet, die Kosten-Nutzen-Rechnung geht einfach nicht auf. Ausser vielleicht, es sind so kleine Sadisten oder Sadistinnen, die sich freuen, wenn man ihrem Tun auf den Leim kriecht.

Natürlich könnte ich auch einfach ins Kino gehen, aber ich bekomme leider Kopfschmerzen und klaustrophobische Zustände von den 3D-Brillen, die man jetzt überall tragen muss; es ist also nicht etwa wegen des Geldes. Oder vielleicht ein bisschen. Aber mit diesen grauenhaften 3D-Filmen treiben die Filmemacher einen wirklich in die illegale Welt des Onlinefilmeschauens! Ich würde das vor Gericht ohne weiteres in meine Verteidigung einbauen: Wir sind eigentlich alle nur Opfer schlecht überarbeiteter 3D-Filme! Jetzt weiss ich gar nicht mehr, auf wen ich eigentlich wütender bin, auf die Kinos oder die unfähigen Uploader, aber wenn mir jemand meinen wohlverdienten Filmabend zunichte machen will, sehe ich rot!

Erschienen in der Mai-Ausgabe 2011 der Perspektive, Nr. 8, Seite 11.


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