Wählen statt Werken

Kürzlich war ich an einer Podiumsdiskussion zum Thema «Medien und Politik», unter anderem waren auch Cedric Wermuth und Kurt Imhof (dieses Lachen allein war den Besuch wert!) als Gäste vertreten. Man diskutierte über den Einfluss der Medien auf die Politik und dass die Politiker mittlerweile immer einen Aufhänger brauchen, damit sie überhaupt in den Medien stattfinden, wie zum Beispiel das Rauchen eines Joints an einer Mitgliederversammlung (Bravo Cedric!). Und das alles nur wegen diesen bösen, bösen Gratisprintmedien, welche nur noch «human interests» in ihr Blatt packen statt knallharten politischen Fakten. Andererseits wurde dann auch konstatiert, dass man dem Volk geben müsse, was es wolle, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Überhaupt sei das Volk politisch desinteressiert und gehe auch kaum mehr abstimmen, was fatal sei in einer direkten Demokratie. Das war der Startschuss für ein kleines Volks-Bashing, unter anderem wollen sich die Menschen nicht mehr richtig politisch informieren, die Partei mit den meisten Plakaten würde den Wahlkampf machen, aber eigentlich gehe eh nur eine Minderheit wirklich wählen. Irgendwann wurde die Runde geöffnet für Fragen und Anregungen aus dem Plenum und eine junge Frau machte die einzig richtige Bemerkung, die zu machen war: Warum sollte das Volk politisch interessiert sein, wenn es nicht mal weiss, um was es überhaupt geht?

Wir lernen in der Schule rechnen, damit wir wissen wie viel Bier wir mit einem der gelben Nötli kaufen können (4-6, je nach Bier). Wir lernen schreiben, damit wir auf Facebook total lässige Statusnachrichten hinterlassen können («bin ihn der Statt shobben»). Wir lernen lesen, damit wir per Facebook mitbekommen, wer jetzt mit wem wieder eine Beziehung hat («es ist kompliziert»).
Wir lernen sogar französisch, nur damit die welschen Ex-Fussballer im Sportstudio dann gebrochen deutsch zu uns sprechen und wir sie nicht verstehen («Sie spiele die Ball in den Tief!»).
Aber was wir nicht lernen, wir lernen nicht wie man einen Stimmzettel korrekt ausfüllt, wie man panaschiert oder kumuliert. Wir lernen nicht, was Nationalräte oder Bundesräte für eine Aufgabe haben, was «die dort oben» überhaupt mit unseren Steuergeldern machen. Aber pardon, das stimmt so natürlich nicht. Ich hatte zwar in der Sekundarschule keine Stunde politischen Unterricht, aber im Gymnasium hatte ich dafür eine ganze Woche Staatskunde. Eine ganze Woche! Wir waren sogar eine Stunde im Bundeshaus und durften den Nationalräten beim Zeitung lesen zuschauen! Megageil!

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Politiker uns eigentlich politisch uninteressiert halten wollen, damit sie uns besser lenken können. Der schwarze Peter liegt jedenfalls ganz sicher nicht beim Volk, sondern bei den Politikern, die dem Sport, der Handarbeit, dem Werken, dem bildnerischen Gestalten und der Hausarbeit eine höhere Priorität zuschreiben, als vielleicht ein bis zwei Stunden Staatskunde pro Woche. Der jetzige Zustand ist unhaltbar: Die Staatskundewoche ist eine reine Alibiübung und weckt in keinem Schüler ein politisches Interesse, höchstens ein Feriengefühl.
Man kann viel klagen über primitive Abstimmungsplakate, und sensationsgeile Berichterstattung, aber wenn der Mensch früher nie gelernt hat, wie er mit diesen Dingen umzugehen hat, so wird er es auch später nicht können. So wie die wenigsten sich selber lesen beibringen können. Politisches Interesse entsteht durch politisches Wissen, weshalb ich mindestens eine Stunde Staatskunde pro Woche in öffentlichen Schulen fordere, um das Problem mit dem so genannten Demokratiedefizit endlich mal an der Wurzel anzupacken. Ich hoffe, ich bekomme jetzt für diese Aussagen keine Morddrohungen von erzürnten WerkenlehrerInnen, natürlich ist auch euer Fach sehr wichtig. Nur weiss ich lieber, wie man richtig abstimmt, als wie man beim Laubsägen am wenigsten Laubsägeblätter kaputt macht (nicht zu viel Druck geben, das Blatt vorher gut einspannen). Ich bitte um Verständnis, vielen Dank.

Erschienen in der Juni-Ausgabe 2011 der Perspektive, Nr. 9, Seite 5.


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