Von der Lässigkeit einer Demo

Eigentlich hasse ich diese linken Demos. Vor allem die unangemeldeten, illegalen. Mittlerweile muss ich ja an fast jede dieser Demos, weil das Schweizer Volk wieder nicht so stimmt, wie es sollte und Politiker im Fernsehen dann davon reden, dass das Volk jetzt einer Meinung sei, als müssten die Verlierer nach dem Entscheid gleich wie die Mehrheit denken. Und eben, weil dem nicht so ist, muss ich wieder an eine dieser Protestdemos.

Da trifft man sich dann am Helvetiaplatz und man sieht gleich, dass der Schwarze Block anwesend ist und danach wieder für sich proklamieren wird, das Ganze organisiert zu haben. Völliger Quatsch im Zeitalter von Facebook. Und ihr ewiges Anarchie- und Antiparlamentarismus-Ding, als wenn die Revolution mit ein bisschen Randale gestartet werden könnte. Das spült nur wieder Wasser auf die Mühlen der rechtskonservativen Stimmen im Lande. Aber eben, irgendjemand muss ja den Karren am Laufen halten, vorneweg den Zug anführen und linke Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“ schreien. Man würde sie ja auch vermissen, wären sie eines Tages nicht mehr mit und unter uns. Aber wenn sie doch nur endlich begreifen würden, dass ein umgekippter Blumentopf noch kein System zerstört, sondern nur den Blumentopf.

Fast schlimmer als die ganzen Vermummten sind aber diese Horden von Alternativen, welche die Langstrasse mittlerweile beinahe ganz in ihren Besitz gebracht haben. Diese ganzen „young urban professionals“, welche sich wahrscheinlich denken, es wäre „lässig“ den Abendspaziergang „no gschnäll“ mit einer Demo zu verbinden. All diese Leute, welche sich dann nach ein paar Metern Mitlaufen darüber aufregen, dass alles so unorganisiert ist und keine gute Musik läuft. Als wäre eine Demo irgendein Event. Aber heutzutage muss ja alles ein Event sein, der Fussballmatch, das Open-Air, das Quartierfest – alles braucht ein geschicktes Sponsoring und Bierbecher mit Depot zu acht Franken das Stück. Ich muss sagen, da gehe ich dann schon eher wieder auf die Seite der Anarchisten, zumindest würde uns ein bisschen mehr Chaos manchmal richtig gut tun.

Da gehen sie dann, all diese jungen Menschen, mit ihren pseudoverschlissenen Jeans für 150 Franken und dem Latte Macchiato aus dem Starbucks um die Ecke (egal welche Ecke, die sind überall). Sie schlendern einfach mit, quatschend, wissen vielleicht nicht einmal, worum es bei der Demo geht. Haben wahrscheinlich das Stimmkuvert damals kurz angeschaut und dann ungeöffnet aufs Altpapier geworfen, weil keine Zeit/Lust/“muss meinen Facebook-Status aktualisieren“. Die machen einfach mal mit an dieser Demo und mit denen werde ich danach assoziiert, wenn ich irgendwo erzähle, dass ich an dieser Demo war. Oder mit dem Schwarzen Block. Das finde ich also „mässig luschtig“. Aber eigentlich hasse ich linke Demos vor allem, weil ich wiedermal alle über einen Kamm schere, obwohl ich eigentlich froh sein sollte, dass überhaupt noch jemand eine Regung zeigt in unserem Internetzeitalter. Ich hasse linke Demos vor allem deshalb, weil ich wieder einmal mehr merke, was für ein selbstgerechter Vollpfosten ich doch manchmal bin. Und das kann fast so schlimm sein wie falsch abzustimmen.

Erschienen in der Juli-Ausgabe 2011 der Perspektive, Nr. 10, Seite 6.


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