alt, gechillt und sexy

Seit ein paar Wochen leiste ich einen Teil meines Zivildienstes in einem Altersheim ab, bei dem ich die alten Leute im Esssaal betreue. Beim Tische putzen habe ich mir des Öfteren überlegt, wie ich wohl im Alter sein werde, beziehungsweise wie ich gerne wäre. Zuerst einmal werde ich mich nach dem Vorbild einiger Bewohner bei jeder Gelegenheit aufs höflichste beim Personal bedanken. Das heisst, ich begrüsse sie herzlich, bedanke mich wenn der erste Gang serviert wird und auch wenn der leere Teller wieder abgeräumt wird. Und das bei drei Gängen. Sechsmal. Vielleicht auch mehr, wenn es sich ergibt. Zusätzlich werde ich ab und zu je nach Geschlecht und Alter Bemerkungen einstreuen wie «blonde/brünette/schwarzhaarige Frauen sind mir die Liebsten» oder «Sie sind aber ein flotter, junger Burscht. Früher war ich genau wie Sie!». Ich werde meine Gabel verstecken, damit mir das Personal eine neue bringen muss, nur um dann festzustellen, dass ich mittlerweile auch das Messer versteckt habe. Am Nachmittag werde ich an der Sonne mit einem guten Freund Schach spielen und dabei werden wir die eine oder andere Flasche Bier über den Durst trinken. Selbstverständlich auch dann wenn wir längst beide Bluthochdrückler sind. Dann erst recht! Ich werde an den seltenen Altersheimfesten mit all den alten Fraueli zu Lady Gaga tanzen, welche ich dann spitze finden werde, weil sie mich an früher erinnern wird, an die Zeit, als die Songs mit weniger als 300 bpm durch die Boxen dröhnten und die Musik noch Musik war und nicht so ein Krach war wie das zeitgenössische Gedudel. Ich werde überhaupt sehr viel von früher erzählen beziehungsweise werde ich dem Personal jeden Tag dieselben Geschichten erzählen und sie müssen jedes Mal so tun, als würden sie es zum ersten Mal hören. Spass muss sein. Ich hätte übrigens auch die ganzen Alterskrankheiten wie Demenz, Inkontinenz, Sehschwächen und so weiter nicht, aber das versteht sich von selbst. Ich werde ein guter Rentner sein. Am Liebsten würde ich den Lappen gleich hinwerfen und mich auf eine Warteliste setzen. Let’s aging!

Erschienen in der September-Ausgabe 2011 der Perspektive, Nr. 11, Seite 17.


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