Ist Zürich mein Zürich?

Letzte Woche war ich in der Silberkugel und während ich dort auf meinen Silberbeefy mit Käse wartete, sah ich den neusten «Zürich Guide» aufliegen. Ich meine, dass die Kirche des St. Peter die grösste Turmuhr Europas hat, wusste ich schon nach einer unendlich langen Treppensteigerei in der vierten Klasse. Aber wussten Sie zum Beispiel, dass wir in Zürich neben dem umgangssprachlichen Schweizerdeutsch auch französisch, italienisch und englisch sprechen? In diesem Fall bin ich wahrscheinlich eher kein Vorzeigezürcher.
Der Paradeplatz betrieb übrigens in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem «Zentralhof» eines der grössten Postkutschenzentren Europas. Und der Bürkliplatz wurde vom Stadtingenieur Arnold Bürkli angelegt. Dabei habe ich als Kind immer gemeint, er heisse Gürkliplatz. Einige Seiten weiter sind massenweise Kultur- und Ausflugstipps aufgelistet und ich bin überrascht, dass ich von einigen noch nie etwas gehört habe, wie zum Beispiel vom «Money Museum». Oder dem «Kulturama». Oder das «Mühlerama». Es gibt sogar ein «Zivilschutz»-Museum. Ist das überhaupt noch mein Zürich? Aber dann finde ich glücklicherweise einen Schreibfehler, welcher mein eigenes Unwissen übertüncht: «Wildnispark Zürich, Silhwald». Ja, die Silh ist ein ganz eigenes Gewässer. Beim Umblättern wird mir dann schon wieder dieses «Mühlerama» unter die Nase gerieben. Haben die doppelt bezahlt? Und dann sogar noch mit «Geisterstunde»! Und ich weiss nichts davon!
In der zweiten Hälfte des Heftes findet sich nur noch Werbung für Uhren, Kleider, Hotels und Restaurants. Das einzig Interessante ist vielleicht, welche Bandbreite an Clubs es in Zürich gibt. Und wie viele Escort-Services. «Nehmen Sie aus Zürich eine unvergessliche erotische Erinnerung mit nach Hause». Gaht’s no! Aus meinem Zürich! Aber nachdem ich erfahren habe, wie manche Seite und Orte ich von Zürich eigentlich noch nicht kenne, muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich meinen Besitzanspruch überhaupt noch geltend machen kann.
So nahm ich meinen Silberbeefy aus der Silberkugel entgegen und wusste wieder, wo mein Zürich ist. Dort, wo man sich eben nicht teure Werbung in einem «Zürich Guide» erkaufen muss.

Erschienen in der Dezember-Ausgabe 2011 der Perspektive, Nr. 14, Seite 5.

Auch erschienen in der Lokalzeitung „Züri 2“ (Do, 15.12.2011, Nr. 50)


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