Das Fenster zum Ghetto

Ein Bericht über meine Reisen durch die schlimmsten Ghettos dieser Welt. Per Google Street View. Nachahmen nicht empfohlen!

Ich weiss nicht, ob ich es erzählen soll, aber ich fröne zurzeit dem Ghettotourismus. Zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass meine Sozialisation in jungen Jahren stark von Ghettofilmen und Gangsterrap geprägt war und ich auch heute noch bei jedem Berlinbesuch lieber die übelsten Ecken von Kreuzberg (Cottbusser Tor) und Neukölln (Hermannplatz) aufsuche als über den Ku’damm zu flanieren. Nun aber hat mein Ghettotourismus eine neue Dimension angenommen, ich betreibe ihn nämlich auch virtuell. Per Google Street View.
Ich fahre an den düstersten Ecken der grössten Metropolen vorüber, hin und wieder zurück, während ich zu Hause vor dem Computer hocke. Irgendwie schon ein bisschen pervers. Aber vielleicht habt ihr mal die Serie „The Wire“ gesehen. Dort geht es hauptsächlich um den Crackverkauf in Baltimore. Die Dealer stehen da dann den ganzen Tag an Strassenecken und verkaufen ihre Drogen. Manchmal wird auch um eine solche Strassenecke gekämpft, mit Schusswaffen versteht sich. Da denkt man sich in der Schweiz vor dem Bildschirm natürlich bald einmal: So schlimm wird es ja wohl nicht sein. Nachdem ich aber der Bondstreet in East Baltimore entlang gefahren bin und dort an jeder Ecke ein Schwarzer steht und tut, was man dort halt so tut, zweifle ich die Realitätsnähe von „The Wire“ nicht mehr an. An dieser Stelle zu empfehlen sind weitere soziale Brennpunkte wie Brownsville (ein Teil von Brooklyn), South Central (Los Angeles) oder Compton (Los Angeles County). Wer diese Gegenden der USA mal gesehen hat und sei es nur per Google Street View, wird das Wort „Ghetto“ nicht mehr für jede etwas unordentliche Seitenstrasse in den Mund nehmen. Am krassesten ist aber Detroit, vor allem entlang der 8Mile (ja genau, diejenige aus dem Eminem-Film): Wer sehen will, wie eine Stadt inmitten der USA einfach auseinander fällt und zur Geisterstadt wird, ist hier an der richtigen Adresse.

Vielleicht taucht nun die Frage auf, warum ich mich bis jetzt in meinen Ausführungen nur auf amerikanische Städte beschränkt habe, gäbe es doch auf der Welt sicher noch schlimmere Orte. Das ist wohl wahr, aber zu den meisten führt eben keine anständige Strasse und wenn, dann will und wird das Google Street View-Team dort sicher nicht durchfahren. Und so bleiben Orte wie Rocinha im Süden Rio de Janeiros (City of God – der Film, City of Men – die Serie), Teile von Dehli und Mumbai oder Mogadischu in Somalia für Google Street View unsichtbar. Wahrscheinlich ist dies auch besser so. Denn Tourismus kann sehr schnell in Voyeurismus ausarten.

Deshalb habe ich beschlossen, meinen Ghettotourismus wieder auf Realbesuche in Berlin und so zu beschränken. Das ist zwar immer noch eine ziemlich üble Art von Tourismus, aber wenigstens bringe ich den Mut auf, selbst dorthin zu gehen. Nach meinen zahlreichen Google Street View-Sightseeing-Touren bin ich nun aber der Meinung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist, wenn die Nachbarn ihren Müll in einen Migros- statt in einen Zürisack stecken. Hauptsache, sie schiessen einen nicht grundlos über den Haufen. Das ist doch immerhin schon mal was.

http://www.students.ch/magazin/details/60137


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