Gefällt mir nicht

Empören ist gut, handeln ist besser. Ein KONY2012-Video ist gut und schön, aber es zu teilen, wird die Welt nicht retten. Und „gefällt mir“ drücken , rettet kein Kind vor dem verhungern. Ein empörtet Artikel über unsere heuchlierische Empörungskultur.

Wie hat Stéphane Hessel so schön geschrieben: Empört euch! Aber wir empören uns doch jeden Tag! Wir sind empört, zeigen Mitgefühl und drücken „gefällt mir“. Ich wachse in einer Generation auf, welche sich zu einem grossen Teil jeden Tag aufs Neue empört, indem sie „gefällt mir“ drückt. Und wer nicht „gefällt mir“ drückt, ist ein herzloser Unmensch. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der alles immer wie komplizierter wird und keiner mehr den vollständigen Durchblick hat. In so einer Welt ist es schön, wenn eine Dinge auf simple Weise erklärt werden. Zum Beispiel wenn die SVP einem vor die Wahl stellt, man könne entweder für die Ausschaffungsinitiative sein oder man sei pro Vergewaltiger. Da fällt einem die Wahl sicherlich sehr leicht. Und so geht es uns mit vielen Dingen: Wer hat schon die Zeit jede Nachricht genau zu lesen. Wichtiger ist es „gefällt mir“ zu drücken und den Leuten zu zeigen, dass man nicht wegsieht. Auch wenn man nicht weiss, was man überhaupt ansieht.

Da wäre zum Beispiel dieses KONY 2012: Es ist so leicht, sich dieses Video anzusehen und dann vor lauter emotionalen Wallungen „gefällt mir“ zu drücken, das Video zu teilen, ein Kony-Bild zu posten oder sich gar die sündhaft teure Kony-Box zu bestellen, um dann überall die Kleber zu verteilen. Ich will mich nicht darüber auslassen, ob diese KONY 2012 Aktion hilfreich gewesen ist oder nicht. Zudem werden sich viele fragen, warum ich jetzt, nach all dieser Zeit, wieder die KONY2012-Diskussion anreisse, das ist doch Schnee von Gestern.

Und genau das stört mich: Gestern empört uns dies, heute das. Wir sind empörungssüchtig geworden! Es kommt mir so vor, als wären viele Leute heutzutage viel zu gerne empört. Hauptsache sie sind öffentlich empört. Um jedem zu zeigen: Ich mache etwas! Sie drücken „gefällt mir“, teilen ein Video, schreiben eine Statusmeldung und diskutieren vielleicht mit ein paar anderen daürber, warum diese nicht „gefällt mir“ gedrückt haben. Denn man ist für oder gegen etwas, dazwischen gibt es nicht mehr, das ist verschwunden. Und dann ist ihre erste Empörungs-Euphorie plötzlich vorüber. Denn 20min und Blick am Abend berichten nicht mehr darüber. Was tun? Man zieht weiter zur nächsten Empörung. Wen interessiert schon Kony? Er ist zwar immer noch nicht gefasst (Stand April 2012), aber es gibt schliesslich auch noch andere Probleme auf dieser Erde, mit denen es sich zu befassen gilt und die weitaus populärer sind.

Es verunfallt ein Bus voller belgischer Kinder und tagelang sind die Medien voll von Artikeln über diesen Unfall. Ja, er ist tragisch. Ja, vor allem weil es Kinder gewesen sind. Und dazu immer wieder die Bilder dieser armen Kinder, die gestorben sind. Und sie hatten so viel Spass im Skilager. Und dann auch noch in der Schweiz. Das ganze ist so traurig. Natürlich ist es das, aber ist es nicht auch traurig, dass ungefähr alle drei Sekunden ein Kind stirbt irgendwo auf dieser Erde? Diese Kinder haben leider kein Gesicht, keine Stimme, sie sind leider nur an Hunger gestorben in einem beliebigen Land in Afrika und nicht bei einem Busunfall in einem Schweizer Tunnel. Die Scheinwerfen werden sich nie auf sie richten. Und doch sind sie da. Wenn uns sterbende Kinder so nahe gehen, warum weinen wir nicht den ganzen Tag um diese Kinder? Wir weinen nicht, weil wir nur betroffen sind, wenn die Medien uns die Story schön aufbereiten und wir das Gefühl haben, es hätten auch unsere Kinder sein können. Dieses Gefühl haben wir bei den afrikanischen Kinder nicht: Unsere Kinder sterben nicht an Hunger oder Aids, unsere Kinder sterben in Autounfällen. Wir haben keinen Bezug zu ihnen. Ausser vielleicht dass sie von allem, dass wir zu viel haben, sie zu wenig haben. Aber das ist zu abstrakt, um darüber zu emotional zu werden.

Wir lassen uns schlicht und einfach von den Medien diktieren, über was wir uns als nächstes empören sollen. Wir werden dazu konditioniert, empört zu sein. Wir empören uns über dieses und jenes und werden dabei von den Themen abgelenkt, über die man sich am meisten empören müsste. Wie zum Beispiel die oben genannte Kindersterblichkeitsrate. Oder wir mit unserer Subventionierung der Landwirtschaft den Hunger in der Welt aktiv fördern. Oder um es weniger abstrakt zu halten: Dass in der Schweiz 3 Prozent so viel besitzen wie die restlichen 97 Prozent. Die gelenkte Empörung und das vermeintliche Mitgefühl sind die neuen Brot und Spiele. Und wichtig dabei ist, dass wir es allen zeigen. Sonst wirkt es nicht. Wir drücken „gefällt mir“ anstatt zu spenden. Denn Spenden sind meistens nicht öffentlich. Wieso sollte ich spenden, wenn mein Nachbar nicht sieht, dass ich spende. Wenn ich „gefällt mir“ drücke, weiss er wenigstens, dass es nicht einfach so an mir vorbei geht. Aber machen wir uns nichts vor: Wir spenden nicht aus Selbstlosigkeit. Wir spenden, um unser Gewissen zu entlasten. Damit wir Nike-Schuhe aus Kinderarbeit tragen können, denn: Wir haben gespendet. Aber was nützt mir ein entlastetes Gewissen, wenn die anderen nichts davon wissen. Und so drücken die meisten Menschen heute lieber „gefällt mir“ als wirklich zu spenden. Ein Klick reicht und du bist dabei. Du schaust nicht weg. Du kümmerst dich um die Welt. Oder bist du vielleicht doch nur ein empörungssüchtiger Gaffer? Hangeln wir uns vielleicht nicht doch nur von der einen Emotionalität zur nächsten, damit wir die grossen Probleme nicht anpacken müssen? Ich wünschte mir, die Menschen würden sich etwas langfristiger und aufrichtiger empören!

Erschienen in der Mai-Ausgabe 2012 der Perspektive, Nr. 18, Seite 6.

Abgedruckt auch im Mag20, bevor es eingestellt wurde.

Eine Replik von Adrienne Fichter auf diesen Artikel.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s