Der Kritik eine Stimme

Ob Nestlé-Brabeck, Novartis-Vasella oder IWF-Lagard: Wenn jemand an der Uni zur Besuch ist, welcher den linken Krawallmachern nicht passt, wird er/sie niedergeschrien und allenfalls noch bedroht. Warum das so nicht geht.

Am 7. Mai vor zwei Jahren fand das „Forum Uni21“ statt, dass von der linksgerichteten Gruppe „Uni von unten“ organisiert wurde. Es wurden Workshops veranstaltet, Professoren referierten und Diskussionen wurden geführt. Und das alles in den Räumlichkeiten der Universität Zürich. Blockierte jemand die Eingänge oder hinderte die Teilnehmenden an ihrer Teilnahme an diesem Forum? Nein! Ganz anders sieht es aus am 7. Mai diesen Jahres, als die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde ein Referat halten sollte: Schon Wochen zuvor drohte die „Uni von unten“ gegen diesen Event zu demonstrieren. Das ist meiner Meinung nach ihr gutes Recht, aber an besagtem Tag wollte ich mir dieses Referat anhören, musste aber auf die Übertragungssäle ausweichen, weil die „Uni von unten“ den Weg in den Haupthörsaal blockierte und die aufgestellten Metalldetektoren mehrmals umwarf. Ich bin froh, gelang es Frau Lagarde trotzdem ihren Vortrag zu halten, denn eine ähnliche Veranstaltung mit dem damaligen Novartis-CEO Daniel Vasella musste im Frühjahr 2009 aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Grund für die Ängste um die Sicherheit Vasellas war damals auch die „Uni von unten“, die per Flugblätter zu einem „gebührenden Empfang“ aufrief.

Man soll mich bitte nicht falsch verstehen: Ich teile einen Grossteil der Kritik der „Uni von Unten“ am IWF. Auch ich prangere die „undemokratische Geschichte des IWF“ an, wie es in einem „Uni von Unten“-Flyer geschrieben steht. Auch ich bin klar dagegen, dass Kredite an Länder vergeben werden, mit den Auflagen, öffentliche Güter wie das Gesundheits- und Bildungswesen oder gar die Wasserversorgung zu privatisieren. Auch ich halte dieses Vorgehen teilweise für eine moderne Art des Neokolonialismus. Aber ich will den Leuten zuhören, die ein solches Vorgehen gutheissen. Ich will ihre Argumente hören und ich will versuchen sie zu verstehen. Ich will mit ihnen in einen Dialog treten. Und ja, ich will hören, wenn Personen wie Daniel Vasella oder Christine Lagard ihre „Geschäfte ins rechte Licht rücken“, so wie es im Flyer steht. Ich will hören, wie sie „die Welt aus der Sicht der Reichen und Mächtigen“ erklären. Und ich glaube im ernst daran, dass es mir möglich ist, der Verbreitung der „neoliberalen Ideologien“ durch Lagarde und Co. zu widerstehen! Nennt mich naiv, aber ich schätze es in einem funktionieren Rechtsstaat zu leben, in dem jede Person gemäss BV Art. 16 Abs 2 „das Recht [hat], ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten“.

Ich wurde noch nie daran gehindert eine so genannt „linke“ Veranstaltung zu besuchen. Vielleicht sehen die Reichen und Mächtigen dieser Welt darin eine zu geringe Gefahr, als das sie intervenieren müssten, wer weiss. Vielleicht wird aber auch einfach nur der Meinungsfreiheit Rechnung getragen. Ich verstehe nicht, wie die so genannt linke „Uni von unten“ sich nur gegen dieses urdemokratische Prinzip der Meinungsfreiheit entscheiden konnte! Die Unterdrückung anders gerichteter Meinungen ist meines Erachtens kein grosser Akt von Stärke und im höchsten Masse verwerflich. Denn, ob es der „Uni von unten“ passt oder nicht, es wird immer Menschen geben, die eine andere Meinung vertreten und das sollte immer und zu jederzeit seine Berechtigung haben! Und will man das System ändern, so muss man es von innen ändern und nicht von aussen, und das mit den Mitteln, die einem das System zur Verfügung stellt und zu denen gehört gewiss auch die Meinungs- und Informationsfreiheit.

Dass es auch anders möglich wäre, hat die „Uni von Unten“ doch bereits mehrere Male bewiesen, unter anderem als sie im Mai 2009 friedlich gegen einen Event mit Nestlé-Chef Peter Brabeck demonstrierten. Und als dort im Hörsaal Fragen aus dem Publikum erlaubt wurden, stand jemand auf und beschimpfte Brabeck zwar als „Mörder mit Krawatte“, was zu lauten Pfiffen und Buhrufen aus dem Publikum führte, er fragte aber auch nach der Problematik um die Privatisierung des Wassers. Es war vielleicht nur eine kritische Stimme, aber es war dennoch eine Stimme, die jeder gehört hatte. Es war eine anwesende kritische Stimme, die partizipierte. Bei Lagardes Vortrag hatten sich keine Kritiker im Saal eingefunden und so blieben die kritischen Fragen ungefragt, die wichtigsten Antworten ungegeben. Gewonnen haben dabei nur Frau Lagarde und der IWF, die „Uni von Unten“ hat sich leider nur ein weiteres mal selbst disqualifiziert. Dabei wären ihre Anliegen gar nicht so falsch und eine vermehrt kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus durchaus angebracht.

Erschienen in der Juni-Ausgabe 2012 der Perspektive, Nr. 19, Seite 6.


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