Jugendbewilligung ertanzen

Eine Replik zu «Tanz dich frei» und Party-Bewilligungen in Zürich.

Am 3. Juni fand in Bern zum zweiten Mal das „Tanz dich frei“ statt, eine Outdoor-Party mit politischem Hintergrund. Über 10‘000 junge Menschen tanzten gegen die restriktive Politik bezüglich des Berner Nachtlebens an, wobei es müssig ist, sich zu fragen, wie viele der Tanzenden überhaupt wussten, was der Sinn des Getanzes war. Die Veranstaltung bekam ein entsprechend grosses Medienecho und es wurde im Schweizer Fernsehen sogar ein „Club“ zu diesem Thema abgehalten. Nun haben die Veranstalter schon weitere „Tanz dich frei“-Events angesagt und man fragt sich, ob diese weiteren „Protestaktionen“ entsprechende Ergebnisse provozieren werden oder ob sie schlicht in der Leere verhallen und zu reinen Outdoor-Parties verkommen. Zumindest der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat im „Club“ immer wieder auf den politischen Weg mit seinen Volksinitiativen hingewiesen, welcher doch viel demokratischer sei. Nur leider wird die Jugend, welche hauptsächlich im Nachtleben anzutreffen ist, immer in der Minderheit sein und so würden solche Abstimmungen zu einer «Tyrannei der Mehrheit» verkommen, wie sie schon Alexis de Tocqueville vor über 200 Jahren anprangerte. Ihm ging es damals zwar um die Tyrannei der ungebildeten Mehrheit gegenüber der gebildeten Minderheit, während es in Bern um eine ältere Mehrheit geht, welche über eine jüngere Minderheit bestimmt, aber das Prinzip ist dasselbe geblieben. Aber nur weil eine Minderheit eine Minderheit ist, heisst das nicht, dass ihre Anliegen nicht auch ernst zu nehmen sind.

Während man in Bern für die eigenen Clubs auf den Strassen tanzt, frage ich mich ernsthaft, ob ich für die Zürcher Clubs auf die Strassen gehen würde. Wieso sollte ich für ein wirtschaftlich orientiertes kundenunfreundliches Clubkartell auf die Strasse gehen, welches von mir zwischen 20-30 Franken für den Eintritt verlangt, nur damit ich mir die immer gleichen DJ‘s mit den immer gleichen Songs anhören kann/darf/muss, während ich meinen völlig überteuerten Drink schlürfe, der erst noch schlecht gemixt ist? Ich weiss, es gibt Ausnahmen, aber die sind verschwindend klein, so zum Beispiel das Abart, welches Ende Jahr seine Pforten schliessen wird (muss). In Zürich gibt es auch Outdoor-Parties, aber diese finden statt, weil es sich schlicht nicht jeder leisten kann, jedes Wochenende in einen Club zu gehen. Hier wird aus der Not eine Tugend gemacht.

Das hat nun auch die Stadtpolizei Zürich erkannt und geht einen scheinbar überraschend liberalen Weg: Unter dem Namen «Jugendbewilligung» läuft nun ein Pilotversuch, der solche Outdoor-Parties erlauben soll und zwar kostenlos. Das klingt zu liberal, um wahr zu sein. Natürlich gibt es dazu ein paar kaum einzuhaltende Kriterien, die es zu erfüllen gilt:

– Acht Tage zuvor muss man seine Outdoor-Party unter der Nummer 044 412 71 00 anmelden;
– jemand muss klar die Verantwortung übernehmen;
– die Party darf nicht kommerziell sein, Sponsoren fallen also weg, und die Teilnehmerzahl darf bei höchstens 400 Personen liegen;
– der Veranstaltungsort muss geeignet sein, will heissen, es darf zu keinen Störungen des öffentlichen Verkehrs kommen und schon gar nicht zu übermässigem Lärm.

Liebe Stadtpolizei Zürich, vielen Dank für dieses tolle Angebot, aber jetzt ganz unter uns: Das ist doch eine rein symbolische Politik, die Sie da verfolgen. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass auch nur eine Party unter Einhaltung dieser Kriterien stattfinden wird? Selbst wenn sich jemand mehr als acht Tage zuvor unter dieser Nummer meldet, die Verantwortung für eine solche Party übernimmt und sich verpflichtet, nur ja keine Sponsoren anzufragen, dann sind die restlichen Punkte doch kaum durch den Verantwortlichen kontrollierbar. Sie wollen es der Jugend ohne Geld ermöglichen, ihre eigenen Partys fernab von den Clubs feiern zu können, stellen aber Bedingungen auf, für die es ein extrem teures Sicherheitsdispositiv bräuchte (und das ohne allfällige Sponsoren). Das ist, mit Verlaub, lächerlich! In Zeiten der Social Medias ist es nahezu unmöglich die Teilnehmerzahl einer öffentlichen Party zu beschränken. Ausser natürlich ich lade als Veranstalter nur meine engsten paar Freunde ein und mache eine kleine Grillparty am See. Aber das konnte ich ja bisher auch schon, ohne dass ich vorher eine kostenlose Bewilligung einholen musste. Zudem ist es nicht so einfach einen geeigneten Platz zu finden. Wir erinnern uns an den letzten und bisher einzigen richtigen Botellon, der auf der Chinawiese stattfand. Die Chinawiese schien ja ein wirklich guter Platz zu sein, ohne nahegelegenen Wohnungen oder öffentlichem Verkehr, aber auch da boten sich allerhand Probleme, in erster Linie mit dem Abfall und den Glasscherben. Ich sehe also nicht ein, wie mit diesem Pilotversuch ein Problem gelöst würde, aber Sie standen ja unter Druck und mussten unbedingt etwas tun. Aber liebe Stadtpolizei, für das nächste Mal wünschte ich mir eine etwas weniger offensichtliche Nonsense-Politik, vielen Dank!

Es mag viele Leute geben, die über dieses Thema anders denken als ich. Feiernde Partygänger, die jederzeit für ihren überteuerten Club auf die Strasse gehen würden. Polizisten und Politiker, die es als undankbar ansehen, wenn man mit diesem Pilotversuch nicht ein ernsthaftes Entgegenkommen erkennt. Alle Leute, die denken, ich habe dieses Thema oder ihr Anliegen falsch verstanden, bitte erklärt mir doch, warum ich mich für diese Clubs freitanzen oder eine solche Party anmelden sollte?
Man kann mir mailen oder mich auf Facebook anschreiben. Oder am Besten ihr haut mich einfach an der nächsten Outdoor-Party an. Denn sie wird kommen und sie wird mit Sicherheit unangemeldet stattfinden.

Erschienen in der Juli/August-Ausgabe 2012 der Perspektive, Nr. 20, Seite 6,
mit Stellungnahme der Stadt Zürich zum Artikel auf Seite 7.


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