Wieso man sich eine CD kaufen sollte

Es ist noch nicht lange her als die Compact Disc die Schallplatte fast gänzlich vom Markt verdrängt hat. Nun hängt auch sie an den Schläuchen und droht den mangelnden Verkäufen zu erliegen. Ein Plädoyer für das Drehen dieser kleinen Scheiben und den Geruch von Booklets.

Schuld und Sühne

Vor ein paar Jahren hat am Kreuzplatz der CD- und Plattenladen «Rock On» seine Pforten geschlossen, nachdem er den jahrelangen Kampf gegen die stetig rückläufigen Verkäufe im Musikgeschäft verloren hat. Der Besitzer Ruedi Fehlmann hat den Laden 1979 eröffnet und sich dort sein kleines Reich erschaffen. Für die meisten Leute war das Innere dieses Geschäfts das organisierte Chaos, aber Ruedi wusste immer, was wo war und er hatte immer einen Tipp parat, egal für welchen Musikgeschmack. Ich war zwar nicht wirklich ein Stammkunde, begab mich aber gerne in die Katakomben des Ladens, um mich durch die Raritäten der Musikgeschichte zu wühlen. Und dann ist dieser Laden plötzlich weg. Und das erste Mal bekam ich ein schlechtes Gewissen wegen all den Alben und Songs, welche ich aus dem Internet heruntergeladen hatte. Vor ein paar Jahren hatte ich angefangen mit ein paar wenigen Songs, immer bedacht darauf als Ausgleich auf legalem Wege ein Album zu kaufen, um das Gewissen zu beruhigen. Der Weg des geringsten Widerstands bzw. der geringsten Ausgaben wurde aber leider immer verlockender und überhaupt stieg die Zahl der monatlichen Veröffentlichungen von Musikern und Bands ins Uner-messliche, so dass schlussendlich eins zum anderen kam und ich mit der Zeit fast jede Woche Alben downloadete, aber nur einmal im Monat eine CD kaufte. Und jetzt macht auf einmal dieser «Rock on» zu und mein schlechtes Gewissen erwacht aus seinem Wachkoma. Ich fühle mich schuldig. Nicht so pseudoschuldig, wie wenn man im Flugzeug fliegt, obwohl man sich der Klimaerwärmung klar bewusst ist. Der Mensch bereut ja meistens erst, wenn es zu spät ist und bis zur Klimakatastrophe geht es wahrscheinlich noch ein Weilchen. Aber dieses Musikgeschäft hat jetzt wirklich geschlossen und zwar für immer. Und alles nur wegen den illegalen Downloads. Wegen mir!

Was ist eine Platte wert?

Machen wir mal eine kleine positiv/negativ-Abwägung: Für die illegalen Downloads spricht sicher, dass sich unabhängig vom Einkommen und von der sozialen Schicht jeder nach seinem Belieben mit Musik eindecken kann. Auf den illegalen Download-seiten sind alle gleichberechtigt. Des Weiteren hat sich mit dem Internet die Anzahl an Musikveröffentlichungen dermassen drastisch erhöht, dass man vielleicht gerne alles kaufen würde, was man gerne hört, aber schlicht und einfach nicht mehr kann, weil die Anzahl der Releases überhand genommen hat. Natürlich muss man nicht jede neue Platte gehört haben, aber man will ja auch nichts verpassen. Nicht in unserem total aufgeklärten Informationszeitalter.

Ein weiteres oft gehörtes Argument ist, dass in der Musikindustrie früher zu fest auf Gewinne geachtet wurde und jetzt ohne Gewinne wieder mehr die Musik im Vordergrund steht. Illegale Downloads als Mittel im Kampf gegen die Kommerzialisierung, denn ohne das liebe Geld wird Musik wieder nur noch der Musik zuliebe gemacht und das kommt dann schlussendlich den Musikliebhabern zugute. Der Markt reguliert sich quasi selbst.

In der HipHop-Szene ist es mittlerweile ganz normal, dass man zuerst ein paar Mixtapes mit unveröffentlichten Songs zum freien Download zur Verfügung stellt und später dann ein richtiges Album in die Läden stellt. Man appelliert damit an das Ge-wissen des Konsumenten, leider meistens mit eher zweifelhaftem Erfolg. Einen et-was anderen Weg hat die Band Radiohead eingeschlagen: Sie veröffentlichte ihre Platte im Eigenvertrieb. Der Clou: Der Fan durfte den Preis selber bestimmen. Es konnte sich also kein Fan mehr beschweren, die Platte sei ihm zu teuer. Dieselbe Band liess auch ein Konzert in Prag von fünfzig Besuchern filmen und bot die Auf-nahmen dann gratis auf ihrer Website an. Dasselbe machte auch Metallica. Es zeigt sich, dass dem Fan heutzutage für sein Geld (oder eben nicht) eher mehr geboten wird als früher, die Musiker aber leider trotzdem weniger davon haben. Das ultimative Mittel gegen die Musikpiraterie wurde bis anhin leider noch nicht gefunden, man sieht aber, dass es an Ideen nicht mangelt.

Apple hat mit dem Itunes-Store eine weitere Möglichkeit eröffnet; die Möglichkeit der legalen Downloads. Interessanterweise hat dieser Store grossen Erfolg und es scheint, als wäre er der Retter des Musikbusiness. Nur leider hat der Store zwei Nachteile: Zum einen haben sich viele Musiker beschwert, sie würden ausgebeutet und die grossen Majorlabels würden grössere Margen erhalten als Indielabels. Zum anderen ist es aber auch bedenklich, dass in einer globalisierten Welt mit unendlichen Massen an Musik, eine Firma in einer Monopolstellung entscheiden kann, welche Songs sie in ihr Sortiment aufnimmt und welche Künstler auf der Startseite vor-gestellt werden, welches das digitale Pendant zum klassischen Schaufenster darstellt. Eine solche Macht kann nicht gesund sein und deshalb ist der Itunes-Store al-leine sicher keine optimale Lösung.

Im Graubereich zwischen positiv und negativ befindet sich die neue Auftrittswut im Musikbusiness. Auf der einen Seite ist es lobenswert, wenn Bands wieder vermehrt den direkten Kontakt zum Kunden suchen und den Raubkopien die unvergessliche Einzigartigkeit eines Liveauftritts entgegensetzen. Auf der anderen Seite wirkt es befremdlich, wenn die Rolling Stones immer wieder auf ihre «letzte» Tournee gehen und jedes Mal horrende Eintrittspreise verlangen oder amerikanische Hip-Hop-Bands, nach denen in den USA kein Hahn mehr kräht, die aber in der Schweiz fünf Auftritte im Jahr haben. An dieser Stelle muss natürlich auch gesagt werden, dass der Konsument durchaus die Hauptschuld an dieser Misere hat, denn die Angebotsmenge und die Angebotspreise werden sich natürlich nicht verändern, solange die Nachfrage konstant auf so hohem Niveau bleibt.

Auf der negativen Seite spricht die Schliessung des «Rock On» für sich. Die ganze Branche leidet unter den rückläufigen Plattenverkäufen: Der Plattenhersteller, die Werbung, die Labels, die Musiker und die Verkäufer, tausende Arbeiter sind betroffen. Man kann natürlich mit einem gewissen Wirtschafts-Darwinismus argumentieren, dass sich der Markt gesund geschrumpft hat und jetzt nur noch die Allerbesten nach oben kommen. Abgesehen vom subjektiven Musikgeschmack jedes einzelnen würden mir wahrscheinlich die meisten zustimmen, wenn ich behaupte, dass in den Charts selten die beste Musik nach oben kommt, sondern die Musik mit der ge-schicktesten Vermarktung und der besten Abrichtung auf kaufkräftige Zielgruppen. Kurzum, die illegalen Downloads haben der Verkommerzialisierung der Musik noch-mals einen starken Schub gegeben und die Fronten zwischen den zwei Gruppen von Musikern verschärft: Der einen Gruppe, die mit der Musik möglichst viel Geld verdie-nen will und der anderen Gruppe, welche ihre musikalische Unabhängigkeit über alles stellen und hoffen, dass sich gute Musik immer durchsetzen wird.

Hans im Schneckenloch

Es liegt im Wesen des Menschen, dass er Ressourcen, welche er im Überfluss be-sitzt, nicht gleich hoch zu schätzen weiss wie Ressourcen, welche knapp sind. Die Musik ist dabei keine Ausnahme. Anfänglich erscheint es verlockend, sich alle Musik der Welt gratis downloaden zu können, aber wenn man erst einmal alle Alben hat, welche man immer schon haben wollte, bleibt eine gewisse Leere zurück. Die Musik hat nicht mehr denselben Wert. Man hört sie sich nicht mehr an, man konsumiert sie nur noch.

Früher kaufte man sich im Laden eine CD, legte sie zu Hause in seine Musikanlage und lauschte den Klängen, während man das Booklet aus der Hülle nahm, sich die Fotos ansah und die Credits und Danksagungen las. Ein Freund und ich hatten letzt-hin ein Gespräch über die Zeiten vor dem Downloaden und er erzählte mir, er ver-misse vor allem den Geruch der Booklets, früher hätte er an ihm sofort erkannt, ob eine CD gut sei oder nicht.

Das klingt vielleicht alles ein bisschen romantisch, aber auf jeden Fall hat man sich früher ein Album mehrmals angehört, hat ihm noch eine Chance gegeben, wenn es beim ersten Mal nicht gleich gefunkt hat, denn man hatte ja gutes Geld dafür bezahlt. Wenn man sich aber ein Album herunterlädt, gibt man ihm meistens keine zweite Chance. Man spielt jeden Song kurz an, packt einige auf seinen Ipod und der Rest wird wieder weggeworfen. Musik wird zu einem Wegwerfprodukt, zu Abfall.

Meiner Meinung nach ist diese Entwicklung des Musikhörens äusserst unbefriedi-gend, sollte Musik doch Freude bereiten und nicht fliessbandmässig angehört wer-den. Natürlich wird niemand dazu gezwungen, aber man könnte ja irgendwo zwischen all den langweiligen Alben und Mixtapes eine Perle verpassen und wer will das schon.

Kaufen aus Respekt

Meistens erkennt man den Wert einer Sache erst, wenn diese nicht mehr vorhanden ist. Musik wird es sehr wahrscheinlich immer geben, aber kann man das auch von der eigenen Lieblingsband sagen? Oder von seinem Lieblingsmusikladen? Zumindest in der Stadt Zürich gibt es nur noch eine Handvoll Musikläden, welche allesamt ums nackte Überleben kämpfen.

Ich denke nicht, man sollte sich jedes Stück Musik kaufen. Man kann es auch down-loaden. Aber wenn man ein Album wirklich gut findet, sollte man doch erwägen, es käuflich zu erwerben. Anders gesagt, wenn die Musik einer Band einem durchs Leben begleitet, sollte man ihr den nötigen Respekt erweisen und auch dafür bezahlen. Alles andere wäre reine Selbstsucht. Ich bin zwar nicht sehr bibelfest, aber ich glaube, Selbstsucht beziehungsweise Völlerei ist immer noch eine der sieben Todsünden und dies sicher nicht unbegründet. Und sei es jetzt, dass man der Selbstsucht aus religiösen Gründen entsagt oder nicht, ein schlechtes Gewissen ist niemals eine an-genehme Sache. Und was ist schon ein Download, wenn man nicht am Booklet riechen kann.

Erschienen in der September-Ausgabe 2012 der Perspektive, Nr. 21, Seite 10.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s