Dort, wo die Uni noch gut ist

Ich habe einen Ort gefunden, wo die Uni noch nicht so sehr Bologna ist. Weniger Wirtschaft. Mehr so Wissenschaft. Das hat aber auch gedauert.

Früher, als ich noch nicht an der Uni war, habe ich mir die Uni ziemlich romantisch vorgestellt, so mit zwanzig hochinteressierten Studenten, die in einem kleinen Saal sitzen und eifrig und wortgewandt mit dem Professor über Gott und die Welt diskutieren. Aber dann hat mich das Bologna-System hart durchgeschüttelt und mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt mit seinen überfüllten Hörsälen, den Multiple-Choice-Prüfungen und den andauernden Überschneidungen der Kurszeiten. Bis ich letzte Woche bemerkt habe, dass nicht Bologna schuld ist, ich studiere einfach im falschen Hauptfach.

War irgendjemand schon jemals im Raum KO2-D-54 an der Uni Zürich? Ja genau, ich auch nicht. Jedenfalls nicht bis letzte Woche. Der Raum ist irgendwo im Hauptgebäude hinten links, hinter dem Lift, so bei den Lagerräumen im Parterre. Ich musste auch eine Weile suchen, aber ich hab es dann trotzdem zehn Minuten vor Beginn in die Vorlesung geschafft. Pardon, ich meine das Seminar. In meinem Hauptfach ist das eben grösstenteils Hans was Heiri, weil sowieso immer über hundert Leute anwesend sind, was das Seminar-Gefühl nicht so wirklich aufkommen lässt. Nun überhaupt wäre es in vielen Fächern unmöglich, zehn Minuten vor Beginn einer Vorlesung noch einen Platz zu finden – nicht einmal auf dem Boden. In diesem Falle war jedoch alles anders: Der kleine Raum war leer. Zehn Minuten vor Beginn der Vorlesung war der Raum einfach leer. Ich setzte mich trotzdem hinein und fühlte mich etwas unwohl. Wie früher, wenn man nicht zugehört hat, wenn der Lehrer vom kommenden Stundenausfall erzählt hat und man dann am nächsten Tag mit zwei, drei anderen Dummen alleine im Klassenzimmer sass.

Zehn Minuten später waren von dreissig angemeldeten Personen ungefähr zehn erschienen, nur der Professor liess auf sich warten. Er betrat dann fünfzehn Minuten zu spät den Raum mit der Begründung, er mache das immer so und dafür keine Pause. Danke für die Information, eine Mail vorab wäre wohl zu viel des Guten gewesen. Nun, vielleicht hat schon jemand anhand der Indizien erraten, innerhalb welcher Fachrichtung dieses Seminar gehalten wurde? – Genau, es war ein philosophisches Seminar. Darob war mir das mit dem fehlenden Vorabmail natürlich klar: Sokrates hat ja auch nie etwas aufgeschrieben. Das Beste war aber, dass in der Zeit, bevor der Professor die Räumlichkeiten betrat, ein Philo-Student vors Pult stand und uns erzählte, dass die Philosophische Fakultät plane, das Obligatorium für Latein und Alt-Griechisch in der Philosophie zu streichen. How shocking! Und er sammle Unterschriften dagegen. Ich überlegte mir, ob ich vielleicht beginnen sollte Unterschriften zu sammeln gegen dieses Unterschriftensammeln gegen die Abschaffung des Latein-Obligatoriums in der Philosophie. Ich hätte sehr ziemlich sicher mehr Unterschriften sammeln können. Aber irgendwie wäre das noch absurder gewesen. Doch lassen wir dieses Thema, ich bin wahrscheinlich nur neidisch auf all die Leute, welche sich in der Kanti oder danach in den Arsch geklemmt und Latein gebüffelt haben. Und ich lerne jetzt mühsam spanisch und bekomme die ganze Zeit unter die Nase gerieben, dass es sooo viel einfacher wäre, wenn ich Latein gehabt hätte. Ja, ja, ich wäre gerne so geworden, wie ein anderer nie gewesen war…

Nun bin ich ellenweit abgewichen von dem, was ich eigentlich erzählen wollte: Der Professor meinte jedenfalls, wir sollten richtig mitmachen in den Diskussionen, weil wir ja so wenige seien und es sonst so langweilig würde. Und das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich mitdiskutieren wollte. Gut, ich habe in den ersten zwei Stunden noch keinen Piep von mir gegeben: Immer langsam mit den jungen Pferden. Das wird ein längerer Prozess an dessen Ende ich dann auch mal die Hand erheben werde. Aber dieser kleine versteckte Raum, diese wenigen Leute, dieser Prof, die ganze Atmosphäre hatte wirklich ein bisschen diesen „Dead Poet Society“-Charme. Es gibt sie also doch noch, dachte ich bei mir, diese Orte an der Uni, an denen die Wissenschaft und das Wissen an sich zelebriert werden und nicht nur für die nächste Prüfung und für den späteren erleichterten Berufseinstieg gelernt wird. Und dann liess der Prof uns auch noch eine Viertelstunde früher gehen. Und ich ärgerte mich ein bisschen, dass ich mich so darüber freute, dabei hätte ich doch jede Minute auskosten müssen wollen. Hätte. Dürfen. Können. Wollen. Ich bin halt so konditioniert, da kann man wohl nicht mehr viel machen…

(Bilderquelle: Flickr.com, von hannesinchina. Nein, ist nicht der KO2-D-54)

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/dort-wo-die-uni-noch-gut-ist.285259

Erschienen im Newsletter vom Do, 27.09.12


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