„Nicht unser Niveau!“

„Nicht unser Niveau!“ – Warum ich „Jung, wild & sexy“ schaue

Wenn ich an Wohlstandsverwahrlosung denke, denke ich sofort an „Jung, wild & sexy“. JWS ist ein Phänomen. Viele haben es geschaut, noch mehr haben es versucht zu ignorieren. Aber alle wussten Bescheid. Diese Sendung polarisierte wie kaum ein anderes Sendegefäss in der spärlichen Schweizer Fernsehlandschaft. Und nun ist auch die dritte Staffel vorbei und ich weiss nicht recht, was ich jetzt mit meinem freigewordenen Donnerstagabend anfangen soll. Denn ich bin ein bekennender Fan der vielleicht besten Trash-TV-Sendung der Schweizer Fernsehgeschichte. Verzeiht mir deshalb, wenn der Artikel zu einer Art Huldigung verkommt. Ich versuche halbwegs sachlich zu argumentieren.

„Ran an die Möpse!“ – kultiger Trash

Es ist billig produziert, die Protagonisten sind Laienschauspieler und die Dialoge sind grösstenteils gescriptet. Trotzdem tut die Sendung so, als würde sie direkt aus dem Wochenendleben der heutigen Jugend berichten. Nennen wir das Kind also gleich beim Namen: JWS ist feinster Trash-TV. Da wurde einfach die unterste Schublade des Schweizer Fernsehens geöffnet und sie lässt sich seit nunmehr drei Staffeln nicht mehr schliessen. Dabei läuft die Sendung immer ungefähr gleich ab: Egal ob in Basel, Luzern, Wien oder Lloret de Mar, die Protagonisten werden stets dabei gefilmt, wie sie in den Ausgang gehen, eigentlich immer mit dem Ziel an diesem Abend eine flachzulegen beziehungsweise flachgelegt zu werden. Das passiert in den seltensten Fällen und so enden die meisten Folgen mit Frustration, Enttäuschung, gegenseitigem auf die Schulter klopfen und Kopfhochparolen. Dazwischen fallen Sprüche wie „Diese Frauen haben nicht unser Niveau: Viel zu kleine Brüste!“ oder „Blasen ist meine Leidenschaft“ und geben dem Ganzen die nötige Würze. So primitiv und peinlich war Schweizer Fernsehen selten zuvor und trotzdem oder gerade deswegen weiss so gut wie jeder junge Schweizer zwischen 15 und 25, was „de Blick“ von Güney ist und kann Cyrills „Ran an die Möpse!“-Spruch ohne mit der Wimper zu zucken zitieren. War die erste Staffel zu schauen noch mit einem äusserst starken gesellschaftlichen Gruppenzwang verbunden, so war bei der zweiten ein bisschen die Luft draussen und nun bei der dritten Staffel schauen tatsächlich nur noch die Hardcore-Fans mit. So unter anderem ich. Was genau in der Staffel passiert, wissen aber dann wiederum doch die Meisten.
Kommen wir aber nun zur Kernfrage dieses Artikels: Warum tue ich mir eine solche Sendung überhaupt an? Viele Leute haben mich das seit Anbeginn der Sendung gefragt und ich hatte selten eine passende Antwort. Ich komme nun zum Schluss, dass es ist eine Mischung aus verschiedenen Gründen ist: In erster Linie gelingt es JWS eine unfreiwillige Komik zu schaffen, wie sie kaum eine andere Sendung überbieten kann. Zum zweiten fragt man sich stets, wie weit sich die Protagonisten denn noch erniedrigen wollen und wird dann immer wieder überrascht, dass es nicht wenige Menschen gibt, die für ein bisschen Berühmtheit so ziemlich alles machen würden. So nach dem Motto: Auch schlechte Publicity ist Publicity. Wobei man nicht weiss, wie viel Geld die Protagonisten hinter den Kulissen dafür erhalten. Hoffen wir für sie, es handle sich um Unsummen. Ich gebe zu, es ist schon ein bisschen voyeuristisch, sich diese Sendung anzusehen, mit dem feinen Unterschied, dass zumindest ich meistens deutlich mehr zu sehen bekomme als ich eigentlich sehen will. Man fasst sich an den Kopf, spürt eine gewisse Fremdscham aufkommen, kann aber nicht wegschauen – wie bei einem Autounfall. So ungefähr ist das Sendegefäss JWS zu verstehen.

„Blick am Abend“ im TV-Format

Eine allgemeine Theorie des Erfolgs des Trash-TV ist ja, dass sich die Zuschauer danach besser fühlen, im Wissen, dass es da draussen Menschen gibt, denen es noch schlechter geht, die noch dümmer und peinlicher sind. Das ist ein sehr beruhigendes und gutes Gefühl. Dies gilt aber bei JWS nur bedingt, denn alle Zuschauer wissen ja, dass das alles nur gespielt ist. Der interessante Punkt dabei ist, dass niemand genau weiss bis zu welchem Grad es gespielt ist. Wenn 20Min und „Blick am Abend“ nach und während der dritten Staffel über die Protagonisten berichten, sie interviewen und diese dann zu Protokoll geben, die einen seien nun ein Pärchen, dann verschwimmt das Gespielte mit der Realität. Aber auch hier weiss man nicht, inwieweit auch das nur gespielt ist. Und so fällt es dem Zuschauer zuweilen schwer, eine klare Grenze zwischen gespieltem und tatsächlichem peinlichem Gehabe zu erkennen. Aber genau das macht es für mich so faszinierend: Sich zu überlegen, wieviel davon gespielt ist. Und vor allem sich vorzustellen, dass fünf bis zehn erwachsene Männer (vielleicht auch Frauen?) an einem Tisch sitzen und hartnäckig nach neuen Ideen für JWS suchen und plötzlich einer schreit „Heureka! Ich habs! Lassen wir die eine sagen, dass Blasen ihre Leidenschaft sei!“ – und die anderen klatschen, klopfen ihm auf die Schulter und freuen sich nach Feierabend über den erfolgreichen und produktiven Arbeitstag. Entschuldigung, aber wenn das die Zukunft des Fernsehens ist, dann schmeiss ich alles hin und werde Dialogschreiber für solche Serien. Vielleicht für Staffel 16 von JWS.
JWS ist kaum mit der Realität vergleichbar, auch wenn ältere Semester anderes behaupten würden. Jedoch findet man sich zwischen den Zeilen, oder besser zwischen den Szenen, manchmal wieder, denn jedem, der jemals betrunken im Nachtleben umhergetorkelt ist, kommt die eine oder andere Szene peinlich vertraut vor. Vielleicht in der Sendung ein wenig mehr aufgebauscht, aber grundsätzlich vertraut. Dabei hilft auch, dass die Protagonisten schweizerdeutsch sprechen. Bei vergleichbaren deutschen Sendungen wie „Berlin – Tag & Nacht“ taucht stets das Argument auf, dass das halt die Deutschen seien und die Deutschen sind halt so. Die leben alle von Hartz4 und benehmen sich im Ausland unmöglich. Und dann kommt dieses JWS und man ist plötzlich peinlich berührt, weil man merkt, dass sich die Schweizer Jugend genau gleich verhält. Auch wenn es nur gespielt ist. Aber das ist „Berlin – Tag & Nacht“ auch.

JWS ist vielleicht nicht die intelligenteste Sendung im Schweizer Fernsehen, aber sie bietet lustigerweise Anlass zu Diskussionen über unsere Jugend, ihrem Verhalten und dem Umgang damit. Dabei ist die Sendung grösstenteils gespielt. Für die einen ist JWS eine Dystopie, für andere spiegelt sie die Realität wider. Für mich ist und bleibt JWS ein Zeitvertreib zur geistigen Entspannung. Denn trotz allem sollte man diese Sendung zu keinem Zeitpunkt auch nur ein bisschen ernst nehmen. So bleibt mir nur, all den Kritikern der Sendung entgegenzuhalten: Es kommt schlussendlich nicht darauf an, was man schaut, sondern wie man es schaut.

Erschienen in der November-Ausgabe 2012 der Perspektive, Nr. 23, Seite 10.


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