Wie wird man cosmopolitan?

Wieder einmal durfte ich im Tram ein Gespräch belauschen: Darüber, wie man cosmopolitan aussieht. Und dann durfte ich Chips riechen, aber nicht essen. Aber Hauptsache, es ist daraus eine neue Kolumne entstanden.

Wenn ich im Tram sitze, höre ich meistens Musik. Ausser wenn ich ein Thema für eine Kolumne suche, dann höre ich den Menschen im Tram zu. Dieses Konzept klappt ziemlich gut, denn letzten Freitag sind zum Beispiel wieder zwei hinter mir gesessen und haben ein ziemlich lustiges Gespräch geführt, während ich mir dauernd vorgestellt habe, wie die zwei wohl aussehen mögen. Meine Vermutung war, dass es sich um einen Mann und eine Frau handelte, vielleicht um ein Pärchen, vielleicht auch nicht. Jedenfalls redeten beide eher in gehobener Lautstärke und klangen dabei wie einer RTL2-Nachmittagssendung entsprungen. Nachfolgend Ausschnitte aus dem mitgehörten Gespräch, in Klammern die Gedanken des Autors:

Er: Auf diesem Foto siehst du viel besser aus. (Besser als was/wer/wann?)

Sie: Wie besser? Wie in Wirklichkeit oder was? (Der arme Mann…)

Er: Nein, du hast einfach da viel mehr so eine erotische Ausstrahlung! (Gut ausgewichen!)

Sie: Und in Wirklichkeit nicht? (Jetzt hat sie ihn.)

Er: JaaasoaufdemFoto… siehst du irgendwie voll reich aus! Wie aus gutem Hause! (Hoppla, jetzt aber!)

Sie: Wie meinst du reich?

Er: Naja, halt voll so cosmopolitan. (Hä?)

Das Gespräch verlief eher unspannend weiter, während ich schon längst mein Smartphone hervor genommen hatte und versuchte, das Gespräch der Nachwelt zu erhalten. Gleichzeitig fragte ich mich fieberhaft, wie man denn bitteschön cosmopolitan aussehen kann? Wie die Zeitschrift? Wie der Drink? Wie ein Weltbürger? Wobei, es klang schon eher so, als würde er sich auf das Heft beziehen, denn er seine Stimme ging öfters mal nach oben und er fügte seinen Sätzen oft Dinge wie „Ooooh mein Gooott!!!!“ oder „shadz“ an und er sagte diese Worte genau so, wie ich sie geschrieben habe: Mit hunderten Ausrufezeichen, als würden mehr Ausrufezeichen irgendwie der Aussage mehr Ausdruck verleihen (dabei ist doch eher das Gegenteil der Fall). Und „shadz“ klang genau so, wie er es wahrscheinlich schreiben würde… grässlich! Ich war mir also gar nicht mehr sicher, ob es sich bei den beiden um ein Pärchen handelte, er war wohl eher ihr bester schwuler Freund. Aber lange konnte ich nicht darüber nachdenken, denn es begann fürchterlich zu stinken: Die zwei mussten ja unbedingt im Tram eine Packung sour cream Chips öffnen, geht ja nicht anders, es muss ja unbedingt im Tram sein. In der Stosszeit. Wieso auch nicht? Essen wir doch einfach eine Packung der Chips, die mit Abstand am meisten stinken.

Nun wollte ich aber unbedingt wissen, wie diese beiden „Berlin Tag & Nacht“/“Brennpunkt Familie“-Menschen denn nun wirklich aussahen, welche mir meine Tramfahrt zuerst so versüsst und dann fast unerträglich gemacht haben und siehe da: Sie stiegen an der nächsten Haltestelle aus und sogar bei der Türe, welche voll und ganz in meinem Blickfeld war. Und was musste ich erkennen: Es waren zwei Frauen. Oder zumindest eine Frau und eine Transfrau, wobei ich einmal mehr Wikipedia danken muss, wusste ich doch wieder einmal nicht, welchen möglichst politisch korrekten Begriff man zu benutzen hat. Transsexuell sagt man übrigens nicht mehr, weil es zu fest auf die Sexualität fokussiert ist.

Jedenfalls musste ich zugeben, dass ich die Fotos der Frau zwar nicht gesehen hatte, sie nun aber auch sehr cosmopolitan fand, scheint sie doch auf eine Weise tolerant zu sein, wie sie wohl einem Grossteil der Gesellschaft noch immer abgeht. Für mich jedenfalls wirkt das sehr cosmopolitan. Nur das mit den Chips im Tram, das sollten die beiden lassen. Das ist dann doch äusserst uncosmopolitan.

http://www.students.ch/magazin/details/67654/Wie-wird-man-cosmopolitan?

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/wie-wird-man-cosmopolitan.325710

Erschienen im Newsletter vom Do, 14.03.13


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