Eine Woche Psychologie

Ich habe eine Woche lang Psychologie-Vorlesungen besucht. Es war äusserst interessant. Und ziemlich meta. Ein kleiner subjektiver Bericht über eine Woche in meinem Fast-Lieblingsstudiengang.

Letzte Woche habe ich etwas für unser modernes universitäres System Unerhörtes getan, ich habe quasi den Rahmen des Bologna-Systems gesprengt: Ich habe drei Psychologie-Vorlesungen fernab meines eigenen Studiums besucht. So ganz ohne ETCS-Punkte zu bekommen. Einfach so, aus Interesse. Hätte ich mich nämlich damals nicht für mein Studium entschieden, so wäre meine zweite Wahl wahrscheinlich auf die Psychologie gefallen und so wollte ich einmal erfahren, was ich denn so verpasst habe all die Jahre. Und es war so einiges. Ein kurzer Blick von aussen auf eine Woche Psychologievorlesungen, ohne jeglichen Anspruch auf Objektivität wohlgemerkt; genervte Psychologie-Studenten dürfen sich gerne bei mir beschweren und mich auch berichtigen, sollte ich einen Riesenchabis erzählen.

Nun denn: Begonnen hat mein kleines Selbstexperiment mit Sozialpsychologie am Dienstag. Sehr sympathisch war mir gleich, dass es auch einen Übertragungssaal gab: Ich musste also nicht mit einem Platz auf irgendeiner Treppe vorlieb nehmen, nur weil ich nicht schon eine halbe Stunde vorher in den Saal gerannt bin. Die Vorlesung drehte sich um Kommunikation und der Inhalt war, gelinde gesagt, eher einfacherer Natur. Zumindest zu Beginn. Gemäss dem Message-Learning-Ansatz gibt es eine Botschaft, welche von einer Quelle durch einen Kanal an einen Empfänger gesendet wird. Das klingt ziemlich einfach, was es auch ist, aber es reicht, um eine knappe Stunde darüber zu reden. Gedanklich bin ich leider nach wenigen Minuten etwas abgedriftet, nur um dann festzustellen, dass wir schon zwei Modelle weiter waren und die hatten es schon ein bisschen mehr in sich. Gemäss dem Informationsverarbeitungsparadigma von McGuire bin ich bei den Stufen „Aufmerksamkeit – Verstehen – Akzeptieren – Beibehalten – Verhalten“ schon auf der ersten Stufe gescheitert, wie peinlich. Aber auch sonst hätte es mich spätestens beim „Beibehalten“ erwischt, es gab ja keine ETCS-Punkte zu verdienen, weshalb ein allzu grosses „Beibehalten“ meinem bolognagewaschenen Studentenhirn zuwider gelaufen wäre.

Am Mittwoch besuchte ich eine Entwicklungspsychologie-Vorlesung zum Thema „Kognition und Gedächtnis“ mit Professor Mike Martin. Allein für den Namen des Dozenten hat sich ein Reinsitzen schon gelohnt. Aber bleiben wir sachlich: Das Oberthema war Altersforschung. Es wurden sehr viele Zahlen gezeigt und Kurven und Zahlen und der Vortrag war eher monoton, was ich von einem Mike gar nicht erwartet hätte. Nun wollte ich eigentlich dazu noch einiges schreiben, aber mein prospektives Gedächtnis hat mich im Stich gelassen, welches mich normalerweise daran erinnern lässt, was ich genau für Handlungen geplant habe oder hätte, wenn ich sie nicht vergessen würde. Nunja, es ist auch kein Wunder, denn 50 bis 80 Prozent aller Gedächtnisverluste sind prospektiver Natur. Und möglicherweise gibt es dabei nicht einmal Altersunterschiede gemäss Kausler & Kausler 2001. Bei mir kann ich mir das jedenfalls gut vorstellen. Aber das ist vielleicht besser so, sonst wären meine Kolumnen noch länger und ausufernder. Jedenfalls ist mir dabei der beste Teil an einem Psychologie-Studium aufgegangen: Man ist immer Zuhörer, Student, aber auch sogleich seine eigene Versuchsperson. Das ist total meta. Meta ist übrigens einer der Lieblingsbegriffe der Psychologen, das sagen die so alle zehn Minuten. Aber Psychologie ist ja auch ziemlich meta, sofern ich überhaupt verstanden habe, was meta genau bedeutet, da bin ich mir nämlich nicht mehr so ganz sicher.

Der krönende Abschluss meiner Psycho-Woche machte die Motivationspsychologie-Vorlesung am Freitagmorgen. Sehr motivierend ist das nicht und auch der stockende Vortrag der Dozentin mit unendlich langen Pausen zwischen den einzelnen Worten war nicht besonders motivationsfördernd, aber vielleicht war auch das wieder so eine Meta-Einlage, so eine Art Demonstration, wie Inhalt und Form sich konträr gegenüber stehen können. Dafür war die Powerpoint-Präsentation sehr farbig und mit vielen Bildern. Die Vorlesung drehte sich hauptsächlich um Macht, in jeglicher Form. Zum Beispiel war die Vorbildmacht der Dozentin sicherlich nicht allzu gross, dafür wahrscheinlich ihre Expertenmacht. Meine Informationsmacht bezüglich dieser Vorlesung ist auch nicht überragend, habe ich doch schon vieles wieder vergessen. Da wären wir wieder in der Sozialpsychologie mit dem „Behalten“. Dafür kann ich mich daran erinnern, dass Menschen, die einen starken Drang zur Machtausführung verspüren und diese nicht ausüben können, ein geschwächtes Immunsystem besitzen. Zum Glück habe ich nur einen übersprudelnden Geltungsdrang, den ich mit Kolumnenschreiben im Zaum halten kann.

Es war also alles in allem eine äusserst interessante Woche mit einem nicht ganz so geringem Wissensgewinn wie ich ihn zuerst erwartet hatte. Zumindest habe ich ein bisschen Informationsmacht gewonnen bezüglich der Informationen, welche ich akzeptiert und nicht durch einen prospektiven Gedächtnisschwund verloren habe. Wobei dieser mittlerweile wieder retrospektiv ist. Psychologie macht Spass, aber ich glaube, ich bleibe trotzdem in meinem Studiengang. Das ist mir alles ein bisschen zu meta.

http://www.students.ch/magazin/details/67934/Eine-Woche-Psychologie

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/eine-woche-psychologie.328616

Erschienen im Newsletter vom Mi, 27.03.13


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