Wenn sogar der Papst zurücktritt

An jeder Ecke hat man heute die Qual der Wahl: Was esse ich heute? Was lese ich? Welchen Partner wähle ich? Welchen Job? Was will ich überhaupt? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, was ich nicht will: Etwas verpassen.

Letztens sass ich in der Silberkugel und ass einen Silberbeefy mit Käse. Jedes Mal, wenn ich mich in der Silberkugel hinsetze, schaue ich mir demonstrativ minutenlang die Speisekarte an, nur um dann doch einen Silberbeefy mit Käse zu bestellen. Neben mir sassen zwei junge Mädchen, welche beide einen kleinen Salat assen. Zumindest die eine, denn die andere redete unentwegt in ihr iPhone und unterbrach ihren Redefluss nur manchmal kurz, um ihrer Freundin neben sich mitzuteilen, dass der soundso sie also auch grüsse, die Freundin lächelte dann nur höflich. Eine halbe Stunde später hatte ich fertig gegessen, während der Salat noch immer unberührt vor ebendiesem iPhone-Mädchen stand und sie immer noch am Telefonieren war. Ich packte meinen Rechnungszettel und ging zahlen.

Der Nutzen eines Silberbeefy

Die grosse Frage, die ich mir aber stellte, war: Wieso verabredet man sich mit einer Person, wenn man dann doch lieber mit einer anderen Person eine halbe Stunde telefoniert? Wäre es nicht viel sinnvoller, sich mit der Person am Telefon zu treffen, statt die Zeit der anwesenden Person zu verschwenden, indem man kein Wort mit ihr redet, sondern nur telefoniert? Es scheint mir zur schlimmen Mode zu verkommen, mit anderen Leuten zu chatten oder zu telefonieren, während man eigentlich mit jemand anderem abgemacht hat und demjenigen gegenüber sitzt. Schliesslich schaut man ja nur kurz aufs iPhone. Und der und der hat eben gerade dies und jenes geschrieben und das sei so megalustig! Schau mal!
Aber ich will ja gar nicht mit den Finger auf die anderen zeigen, denn ich bin selbst genau gleich: Irgendwer ist immer spannender oder scheint spannender zu sein als die Person, welche gerade gegenüber sitzt. Es ist ein Zeichen unserer Zeit und der berühmte Soziologe Peter Gross schrieb schon 1994 ein Buch darüber mit dem Titel „Multioptionsgesellschaft“ – und das sind wir: Eine Gesellschaft mit zuvielen Optionen. Es geht ja an und für sich nie um die Option, welche man wählt, sondern um die Optionen, welche man nicht gewählt hat. In unserem ständigen kapitalistischen Drang, den grössten Nutzen aus allem zu ziehen, geht es auch viel um Opportunitätskosten. Es beginnt schon bei der Wahl meines Essens in der Silberkugel: Soll ich einen Toast mit Ei nehmen, einen Salat oder einen Burger? Und was für einen Burger: Chicken Beefy, Silberbeefy oder nur Beefy? Will ich meinen Silberbeefy mit Käse essen oder ohne? – Die Wahlmöglichkeiten scheinen unendlich, so dass bald einmal eine Übersättigung eintritt und statt etwas zu wählen, was vielleicht gar nicht schmeckt, wähle ich lieber etwas Altbewährtes, frage mich dann aber weiterhin, wie alles andere wohl geschmeckt hätte.

Machiavelli wäre enttäuscht gewesen

Die Menüwahl im Restaurant scheint ja noch banal, aber natürlich lässt sich dieses Verhalten auf fast sämtliche Bereiche unseres Lebens übertragen. Ich habe zum Beispiel letztens in der Zeitung gelesen, dass die Hälfte aller Lehrstellensuchenden noch keine Lehrstelle gefunden hat, obwohl der Lehrstellenmarkt zur Zeit ziemlich entspannt ist. Das mag natürlich viele Gründe haben, aber ein Grund ist sicher auch, dass zuviele Optionen offen stehen: Viele Jugendliche haben das Gefühl die Lehrstelle determiniere ihr weiteres Leben. Es öffne sich nicht eine Tür mit der Lehrstelle, sondern alle anderen Türen gingen dadurch zu. Man schreibt ein paar Bewerbungen und bekommt eine Zusage, weiss aber nicht, ob man annehmen soll, weil doch von den besseren Firmen vielleicht auch noch eine positive Antwort zurückkommen könnte. Und am Ende steht man vielleicht mit gar nichts da, weil man sich alle Optionen offen halten wollte. Es erinnert an den Titel eines Filmes von Alexander Kluge: „In Gefahr und grosser Not bringt der Mittelweg den Tod“. Aber auch bereits Machiavelli meinte in seinem Buch „Il Principe“, dass wenn man schon seine Feinde aus dem Wege räumen wolle, man sie nicht nur einsperren oder vertreiben solle, sondern gleich töten, denn alles andere führe nur zu Racheaktionen. Übersetzt in die heutige Gesellschaft würde Machiavelli wohl meinen, man solle sich klar für eine Option entscheiden und diese dann konsequent durchziehen, abseits von nicht gewählten Optionen, die vielleicht im nachhinein besser gewesen wären. So wäre er wahrscheinlich auch von Vasella und der Novartis enttäuscht gewesen, haben diese doch das 72-Millionen-Konkurrenzverbot-Paket unter dem medialen Druck nicht konsequent verteidigt, sondern es sogar zurückgezogen und auf diese Weise sogar indirekt zugegeben, dass ihr Handeln nicht in Ordnung war.

Welchen Zwischentitel soll ich wählen?

Aber seien wir ehrlich: Unsere Gesellschaft erodiert. Man lässt sich eine Cola aus dem Automaten, hätte aber lieber eine Fanta gehabt. Man wählt den einen Job, kann dann aber den anderen dafür nicht haben. Man wählt im Studium den einen Kurs, kann dann aber den anderen – gleichzeitig stattfindenden – nicht besuchen. Man wählt möglichst früh ein Reiseziel aus und bucht Billigferien dorthin, nur um dann kurz vor der Abreise festzustellen, dass es an einem anderen Ort billiger und schöner gewesen wäre. Man hat die eine Frau, kann sich aber nicht binden, weil man dann alle anderen nicht mehr haben kann. Hat man dann trotzdem die anderen Frauen, verliert man aber die eine Frau und ist deshalb enttäuscht. Man weiss nicht mehr, was man eigentlich will, weil alles unter einem riesigen Berg von Möglichkeiten und Optionen verschwindet. Und dann tritt der Papst zurück! Die einzige Person, von der man dachte, die hätte keine Option zum Rücktritt, weil sie ja das offizielle Sprachrohr Gottes ist und es nur ein einziges Sprachrohr geben kann. Und er tritt einfach zurück und bestätigt vielleicht ungewollt das Bild unserer Multioptionsgesellschaft: Sogar Papstsein ist fakultativ.

Diese Welt hält einem so viele Möglichkeiten offen. Ich ging ins Gymnasium, weil ich nicht wusste, welche Lehrstelle ich antreten sollen/wollen. Ich schrieb mich in einen Studiengang ein in der Hoffnung, am Ende wüsste ich dann schon, was ich werden wolle. Nun mache ich wahrscheinlich bald meinen Bachelor und werde mit ziemlicher Sicherheit noch einen Master anhängen, weil ich immer noch nicht weiss, was ich will, denn es stehen mir unendlich viele Möglichkeiten offen und ich will auf keinen Fall die falsche wählen. Und so habe ich das Gefühl, nichts zu wählen, weil man sich alles offen halten will, birgt weniger Freiheit als sich mal für eine bestimmte Sache zu entscheiden. Und vielleicht auch einmal für etwas Neues. Vielleicht auch einmal für den Silberbeefy ohne Käse.

Erschienen in der April/Mai-Ausgabe 2013 der Perspektive, Nr. 26, Seite 29.


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