Das Warten hat ein Ende

Braucht es bei Sicherheitskontrollen am Flughafen eine Überholspur? Oder bei Skiliften? Sollte man sich immer überall Zeit erkaufen können oder ist es manchmal gut, wie jeder andere auch einfach zu warten? Meiner Meinung nach schon.

Letzte Woche habe ich im Tagesanzeiger gelesen, dass es nun am Genfer Flughafen auch «Priority Lanes» geben soll (http://www.tagesanzeiger.ch/leben/reisen/Fuer-acht-Franken-an-der-Warteschlange-vorbei/story/29990501), welche es den Fluggästen gegen einen Aufpreis ermöglichen soll, schneller durch die Sicherheitskontrolle zu gelangen. An und für sich scheint dieses Angebot nicht besonders bedenklich zu sein, denn gerade in Sachen Fliegen ist man sich eine Zwei-/Drei-/Vierklassengesellschaft gewohnt mit First Class und Business Class oder Angeboten wie grösserem Sitzplatzabstand oder Vorrang beim Boarding. Bei uns sind diese Angebote zwar noch nicht überall angekommen, aber besonders in den ultraliberalen angelsächsischen Ländern sind sie gang und gäbe.

Es gibt jedoch auch Kehrseiten bei solchen Angeboten: Michael J. Sandel, welcher in Harvard politische und Moralphilosophie lehrt, hat zu diesem und ähnlichen Themen letztes Jahr das Buch «Was man für Geld nicht kaufen kann» veröffentlicht. In denen prangert er anhand vieler bildhafter Beispiele an, dass die Regeln des Marktes immer mehr auch in Lebensbereiche eingreifen, in welchen sie eigentlich keine oder nur eine geringe Rolle spielen sollten. In einem Interview mit der «Wiener Zeitung» meinte er hierzu: «Je wichtiger Geld ist, ein desto größeres Problem ist es, wenig davon zu haben. Je mehr man für Geld kaufen kann, desto mehr macht sich soziale Ungleichheit bemerkbar»(http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wirtschaft/international/538050_Dieses-Interview-Unbezahlbar.html). «Priority Lanes» bei Sicherheitskontrollen scheinen also ein rein moralisches Problem zu sein, wenn überhaupt, jedoch weist Sandel in diesem Falle auf Kritiker hin, welche es als unverantwortlich empfinden, diese «Lanes» auch bei Sicherheitskontrollen einzuführen, denn diese Kontrollen seien zwar mit Unannehmlichkeiten verbunden (für alle), jedoch dienten sie der nationalen Sicherheit und seien somit unumgänglich und könnten deshalb auch nicht im Eiltempo durchgeführt werden.

Ein anderes Beispiel, das Sandel nennt und so gut wie jedem Schweizer mehr als bekannt vorkommen wird, sind die ewigen Warteschlangen bei Skiliften. Man erinnere sich an dieser Stelle an den Kultklassiker «Am Skilift» vom Cabaret Rotstift, ruckzuck zackzack (http://www.youtube.com/watch?v=8rrFaGNLc5Y)! Neben diesem legendären Ausspruch redete der Deutsche aber auch stets von Organisation und dessen Fehlen an den Schweizer Skiliften. Während es sich bei uns tatsächlich noch nicht wirklich durchgesetzt hat, herrscht mittlerweile in anderen Ländern bei den Skiliften auch eine Zweiklassen-Gesellschaft: Mit einem zünftigen Zuschlag ist es möglich, sich einen Sonderpass zu kaufen, welcher einem erlaubt, die Warteschlangen elegant zum umgehen (bzw. -fahren). Sandel spricht hier von den «Ethik der Warteschlange», welche verloren gehe, denn wo früher Menschen aller Klassen und Schichten gleichermassen anstehen mussten – nach einem äusserst egalitären Prinzip –, spaltet sich die Gesellschaft nun bei diesen neuartig organisierten Skiliften nach dem Prinzip «Geld ist Zeit». Der Deutsche aus dem Stück des Cabaret Rotstifts hätte sicher seine Freude an dieser Organisation gehabt.

Die Regeln des Marktes übernehmen aber auch das Zepter bei eigentlich gut gemeinten Massnahmen: So gibt es auf einigen Freeways in den USA seit Jahren eine Überholspur für Fahrgemeinschaften, die Spur ist also nur für Autos mit mehr als einem Insassen erlaubt. Was eigentlich nach einer klugen Massnahme klingt, um die Menschen dazu zu bringen, beim Autofahren ökologischer zu denken, entpuppte sich als ein Schuss nach hinten hinaus: Sandel schreibt, dass es mittlerweile auf vielen Freeways auch möglich ist, gegen eine Gebühr straffrei auf die Überholspur zu wechseln (ohne Mitfahrer); viel interessanter sind aber die Tricks, welche sich die Autofahrer ausdachten, welche teilweise Obdachlose dafür bezahlten, mit ihnen auf der Überholspur an den einen Ort zu fahren, wo jene dann auf die andere Strassenseite wechselten und dort dasselbe Angebot in die andere Richtung wieder angeboten bekamen.

Sandel beschreibt in seinem Buch noch Dutzende weitere Beispiele für Bereiche, bei denen die Regeln des Marktes diejenigen der Ethik und Moral verdrängt haben, meistens auch zu Lasten der sozialen Gerechtigkeit. Nun hat die Diskussion um die genaue Definition von Begriffen wie Ethik, Moral oder sozialer Gerechtigkeit schon einen ziemlich langen Bart und ich will mir nicht anmassen, an dieser Stelle eine abschliessende Antwort zu geben, wenn es schon Sandel auf fast 300 Seiten nicht schafft. Aber es ist vielleicht ein kleiner Denkanstoss, und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er für die totale Liberalisierung des Lebens ist oder ob es doch Bereiche des Lebens geben sollte, in denen die Regeln des Marktes nichts zu suchen haben. Der Flughafen Zürich verzichtet jedenfalls bis auf weiteres auf eine «priority lane», die Wartezeiten seien auch so sehr moderat.

http://www.students.ch/magazin/details/70367/Das-Warten-hat-ein-Ende

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/das-warten-hat-ein-ende.405539

Erschienen im Newsletter vom Mo, 05.08.13


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