Die Schweiz durch den Lonely Planet sehen

Für die Titelgeschichte des Perspektive-Magazins bin ich unter dem Motto «Lonley Planet» mit dem gleichnamigen Reiseführer durch die Schweiz gereist und habe versucht einige der schönsten Städte durch die Augen eines Touristen zu sehen. Dabei bin ich an Orten vorbeigekommen, die ich so sonst wahrscheinlich niemals besucht hätte. Das wäre aber ein grosser Fehler gewesen.

Mit Reiseführern ist es so eine Sache: Die einen schwören darauf und schauen lieber im Reiseführer nach als auch nur einmal bei einem Einheimischen nachzufragen, andere verzichten bewusst auf Reiseführer, weil sie nicht auf den Pfaden reisen wollen, welche schon hunderttausende Touristen vor ihnen platt getrampelt haben. Ich persönlich bin im letzten Jahr durch Kolumbien gereist und war teilweise sehr froh, den Lonely Planet an meiner Seite zu wissen. Es ist manchmal doch gut, wenn man an sicherer Stelle nachlesen kann, welche Gepflogenheiten im jeweiligen Land vorherrschen, ohne gleich in jedes Fettnäpfchen treten zu müssen. Der Lonely Planet gilt unter den Reiseführern für viele Rucksacktouristen als die erste Wahl: In kaum einem anderen Reiseführer geben die Autoren so schonungslos ihre Meinung preis – und diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen. Zudem zeigt einem der Lonely Planet anhand preiswerter Tipps, wie man gemütlich durch ein Land reisen kann, ohne gleich geschröpft zu werden. Aber ist der Lonely Planet wirklich noch immer so gut wie er es in den 1980er-Jahren war? – Wo könnte ich das besser testen als auf heimischem Boden: Ich habe mir die neuste Ausgabe des Lonely Planet gekauft und die Städte Solothurn, Biel, Winterthur und Zürich besucht. Wobei ich einen Punkt vorweg nehmen möchte: Die Schweiz ist kein Rucksacktouristen-Land. Die Schweiz ist teuer, teuer, teuer. Der Lonely Planet weist einem auf jeder zweiten Seite darauf hin, was aber nicht unbedingt nötig wäre, denn man kommt kaum umhin, es am eigenen Leibe zu erfahren: Die Bahnfahrten, das Essen, die Eintrittspreise, es gibt kaum eine Sache, welche nicht teuer ist. Aber der Lonely Planet gibt sich wirklich Mühe. Und ich gebe mir dafür Mühe, die Schweiz einmal mit den Augen eines Touristen zu sehen.

Solothurn: Brunnen und Musikanten

Tritt man aus dem Bahnhof von «Switzerland‘s most beautiful baroque town», schaut es gar nicht so barock aus: Ein weiter Platz, eine dicht befahrene Strasse, ein paar neue Häuser, alles ziemlich urban. Die Altstadt Solothurns will erst einmal gefunden sein, aber dann verspricht der Lonely Planet nicht zuviel: «an enchanting little town with a mellow stone-cobbled soul», von wo die 66 Meter hohe St. Ursen Kathedrale (Kronenplatz) schon von weitem zu sehen ist. Diese schaue ich mir als erstes von innen an, nachdem ich mir im Touristen-Büro am Platz eine kleine Karte Solothurns geben lasse. Im Lonely Planet wird es äusserst treffend beschrieben, wenn dort steht, der Architekt Gaetano Matteo Pisonie «went wild inside with a white-and-gilt trip of wedding-cake baroque». Es sind solche Sätze, welche den Lonely Planet zu einem der Spitzenreiter und den Reiseführern macht. Im Innern wird mein Schreiten durch die Kathedrale von Live-Gesang eines alten Mannes (vielleicht der Pfarrer?) untermalt, was dem Moment eine gewisse Erhabenheit verleiht und mich als eigentlichen Nicht-Kirchengänger doch feierlich innehalten lässt.

Das Praktische an Solothurn ist zweifelsohne, dass es kleinräumig gebaut ist; die Sehenswürdigkeiten, welche im Lonely Planet beschrieben werden, liegen fast alle meist nur wenige Gehminuten auseinander. Ich trete also durch das Baseltor und bestaune das «most attractive city gate» von der «city‘s former bastion, which makes for a decent picnic spot», mache einen kurzen Abstecher zum Museum Altes Zeughaus (Zeughausplatz 1), stehe aber vor verschlossenen Türen, weil es erst um ein Uhr nachmittags öffnet (und es mittlerweile erst elf Uhr ist…), wie es auch schwarz auf weiss im Lonely Planet steht: Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Trotzdem geht es voller Enthusiasmus weiter zur Jesuitenkirche, welche im Innern wunderschöne Stukkaturen im italienischen Stil bereit hält, der Lonely Planet lässt mich aber auch wissen: «all the ,marble‘ in here is fake». Danke, aber ich finde die Kirche trotzdem schön.

In der Altstadt Solothurns hat es übrigens von zwei Dingen genug: reich verzierte Brunnen und Strassenmusikanten. Von den ersteren wird im Lonely Planet vor allem der Gerechtigkeitsbrunnen (Hauptgasse) hervorgehoben, welcher zur Belustigung des Reiseführers wichtige Figuren aus dem 16. Jahrhundert abbildet: «The Holy Roman Emperor […], the Pope, the Turkish Sultan and… the mayor of Solothurn». Als Stadtzürcher fallen einem aber vor allem auch die vielen Strassenmusikanten auf, welche einen faszinierenden Kontrast zur doch sehr urschweizerischen Architektur darstellen: So hört und sieht man einen blinden Tamilen Handörgeli spielen, einen Asiaten mit Brasilien-Trikot «Hotel California» singen sowie eine Gruppe Südamerikaner mit Trommeln, Saxophonen und Handorgeln ausgerüstet musizieren. Man wünschte sich, in Zürich würden Strassenmusikanten wie hier mit dem nötigen Respekt gewürdigt statt vom Platze gewiesen. Ich stehe auf dem Marktplatz und betrachte den Zeitglockenturm, um dann im Lonely Planet zu lesen, dass ich die Stadt doch lieber an einem Mittwoch besucht hätte, weil dann jeweils ein Markt stattfindet.

Zu guter Letzt besuche ich das Kunstmuseum (Werkhofstrasse 30), bei welchem man «admission by donation» erhält. Ich beschliesse erst zu spenden, wenn ich durch die Ausstellung gewandert bin und ernte dafür einen bösen Blick der Empfangsfrau, welche dafür um so herzliche Danke sagt, als ich dann beim Hinausgehen doch noch ein paar Münzen in den Glasbehälter werfe. Ein langer Besuch wird es nicht, denn die Kunstwerke und Gemälde sind zwar schön, weniger schön ist aber der Wachmann, welcher mich, weil ich der einzige Besucher des Museums bin, ständig in ungefähr fünf Metern Abstand beobachtet/verfolgt. Nun denn, auf nach Biel/Bienne!

Biel: Kultureller Schmelztiegel

Ganz in Lonely Planet-Manier ist Biel der «slap bang on the Röstigraben» mit seinem französisch-deutschen-Mischmasch: «Locals are prone to switching language mid-conversation». Und tatsächlich: Kaum stehe ich im Coop am Bahnhof (einem der grössten, den ich je gesehen habe), spricht die Kassiererin mit dem Kunden vor mir eine Mischung aus schweizerdeutsch, französisch und serbisch: Mehr multikulturell ist wohl kaum möglich, der Lonely Planet sollte entsprechend angepasst werden. Biel ist aber nicht nur die Stadt, in der die Strassenschilder alle zweisprachig angeschrieben sind, sondern auch die Heimat der weltbekannten Omega-Uhren: Das Omega Museum ist ein wenig abgelegen von den anderen Sehenswürdigkeiten, welche im Lonely Planet beschrieben werden, aber durchaus ein Abstecher wert, denn es ist tatsächlich «well done» und «for free». Nur ist das Museum nicht wie im Lonely Planet beschrieben an der Stämpflistrasse, sondern an der Jakob-Stämpflistrasse 96. Google Maps sei Dank, habe ich es trotzdem gefunden. Ansonsten wäre ich wohl irgendwo in Bern gelandet, denn dort gibt es tatsächlich eine entsprechende Strasse.

Im Reiseführer werden aber vor allem Sehenswürdigkeiten in oder nahe der Altstadt beschrieben, rund um den so genannten Ring, ein Platz auf welchem «justice was dispensed [.] as community bigwigs sat in a semicircle passing judgement on unfortunate miscreants brought before them». Ich betrete die Burggasse und stehe kurz darauf vor einem (weiteren) Gerechtigkeitsbrunnen. Von diesen scheint es in der Schweiz so einige zu geben. So viel Gerechtigkeit macht hungrig (oder «der Hunger des Gerechten») und so begebe ich mich in die Untergasse/Rue Basse 21, wo das «hip and alternative restaurant, bar and gallery» Coopérative St. Gervais liegt, welches als «top choice» gilt und mit nur einem Dollarzeichen gekennzeichnet ist. Für einen Studenten also genau die richtige Adresse, nachdem einem die Kosten für die Bahnfahrt schon ein mittelgrosses Loch ins Portemonnaie gerissen haben. Ich nehme eines der Tagesmenues, Poulet «sweet n‘sour» mit Nudeln und Gemüsebeilage, was da wären: Fenchel, Rüebli und Dinge, die ich nicht genauer identifizieren konnte, aber fein schmeckten, dazu ein wenig Blattsalat mit Kresse, Kürbissauce und feinem, knusprigem Brot zur Vorspeise: ein wirklich gutes Menu zu einem Preis von 20 Franken. Die Bedienung in schwarz, mit Tattoos und violetten Haaren ist überfreundlich, vielleicht liegt es daran, dass ich den Lonely Planet vor mir auf den Tisch gelegt habe, aber trotzdem fliessend schweizerdeutsch spreche: Da ging wohl der Gastrokritikeralarm los! Nun, ich liess es mir gefallen. Und wäre ich ein wenig früher dran gewesen, hätte ich vielleicht auch an einem der Tische unter den schattenspendenden Bäumen vor dem Restaurant Platz nehmen können, aber wie schon der Lonely Planet warnt: Die Plätze sind zwar «charming» aber auch «always packed».

Nach dem Mittagessen liess ich die «contemporary art» des Centre PasquArt (Seevorstadt 71-73) kurzfristig beiseite und begab mich zum Museum Schwab (Seevorstadt 50), um mir das «modest archeological museum» anzusehen, leider hatten gefühlte fünf Schulklassen dieselbe Idee gehabt und so verzichtete ich auch hier auf eine genauere Besichtigung von innen, so bleibt mir nur zu schreiben, dass zumindest die Villa von aussen ein rechtes Bijou ist. Dabei wäre auch dieses Museum «for free» gewesen. Vielleicht bei einem nächsten Besuch. Nun galt es, sich zwischen einem Glacé am See oder einer Fahrt mit der Magglingen Funicular (einer Standseilbahn) und einer anschliessenden Wanderung zu entscheiden. Nun, ich war doch schon einiges durch die Gegend spaziert und so fiel diese Wahl nicht sehr schwer. So bewegte ich mich dem Unteren Quai entlang in Richtung See, wobei ich an zahlreichen, eher unbequemen Parkbänken vorbeikam, dafür aber umso mehr meine Ruhe hatte, denn: Ich traf kaum Menschen an. Auch am See war trotz Sonnenschein und eidgenössischem Turnfest kein Riesengedränge und so konnte ich mich gemütlich auf eine Bank setzen und mich von meiner kleinen Reise erholen. Biel ist vielleicht «far from being Switzerlands most picturesque town, and for many Swiss it‘s often a place to change trains», aber genau hier in dieser kleinen Stadt trifft sich noch dieser ländliche Frieden mit der urbanen Hektik und wird zu einem durchaus interessanten und spannenden Schmelztiegel aus dem, was die Schweiz zu bieten hat: Für mich eine der schweizerischsten Städte überhaupt!

Winterthur: Kleiner grosser Nachbar

Das arme Winterthur: Überall ergeht es ihm gleich, es wird unterschätzt. Im Lonely Planet wird zwar angemerkt, dass es sich um die «sixth largest city» in der Schweiz handelt, welches zudem ein «cultural powerhouse» ist, wird dann aber doch nur in der Rubrik «Around Zürich» geführt und bekommt im Reiseführer weniger oder höchstens gleich viel Platz zugesprochen wie (zum Teil deutlich) kleinere Städte wie Luzern, Biel, Lugano oder St. Gallen. Über die Gründe lässt sich streiten, vermutlich ist Winterthur einfach wie immer zu nahe am übergrossen Zürich und wird nicht wirklich als eigenständige Stadt angeschaut, welche sie jedoch eindeutig ist. Das ist schade, denn «Winti» hat wirklich einiges zu bieten, wenn man ein bisschen genauer hinschaut.

Dem gemeinen Touristen dürfte Winterthur vor allem durch das gleichnamige Versicherungsunternehmen bekannt sein, welches in Europa zu einem der grössten in seiner Branche gehörte. Dem Lonely Planet ist dabei leider entgangen, dass die Winterthur Versicherungen durch die französische AXA-Versicherungen geschluckt wurden. Nun gut, der Lonely Planet ist ja auch ein Reise- und kein Versicherungsbranchenführer. Einiges an Platz wird dafür auf die Kunstsammlungen des 1965 verstorbenen Oskar Reinhart verwendet, denn «Winterthur owes much of its eminence as an art Mecca to collector Oskar Reinhart». Es wird empfohlen, den stündlich fahrenden Museumsbus zu nehmen, welcher die Stationen Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz (Haldenstrasse 95) («particulary fascinating»), das Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten (Stadthausstrasse 6) und das Kunstmuseum (Museumsstrasse 52) («solid collection») anfährt. Neben diesen Museen, welche alle grosse renommierte Kunstsammlungen beherbergen, wird im Lonely Planet das Fotomuseum/die Fotostiftung (Grüzenstrasse 44/45) als «top choice» genannt: «The vast collection includes many great names and styles from the earliest days of this art in the 19th century to the present». Das kann ich so nur unterschreiben, indem ich mich von früheren Besuchen daran erinnern kann, denn Kultur- und Museumsbanause wie ich bin, hatte ich mir natürlich genau den Montag ausgesucht um Winterthur zu besuchen, dabei weiss doch alle Welt, dass zumindest in der Schweiz die Museen am Montag geschlossen sind. So hatten denn auch das Technorama (Technoramastrasse 1) und das Schloss Kyburg geschlossen. Die sind da wirklich ziemlich strikt. Nun denn, die Eiserne Jungfrau in der Kyburg hatte ich als Kind schon gesehen, aber nicht betreten, denn: «try on a suit of armour – but not the torture instruments!» – Abgesehen davon zählt für mich die Kyburg ohnehin nicht wirklich zu Winterthur, aber der Lonely Planet wollte wohl nicht noch ein «Around Winterthur» machen, nachdem Winterthur ja schon «Around Zürich» ist.

Will man das Technorama besuchen, so lohnt es sich schon beinahe, ein 2-Tages-Museumspass für 35 Franken zu kaufen, denn der Eintritt für das Technorama alleine ist für eine erwachsene Person schon 26 Franken. Dies wurde leider im Lonely Planet nicht aktualisiert, in welchem der 2-Tagespass immer noch 30 Franken kostet und das Technorama 25 Franken. Man fragt sich zuweilen, was denn an den Reiseführern aktualisiert und verbessert wird, wenn immer wieder neue Editionen auf den Markt kommen. Nichtsdestotrotz, das «swiss science center» Technorama ist wirklich seinen Besuch wert und man sollte sicherlich viel Zeit mitnehmen, will man einen Grossteil der «500 interactive experiences» selbst durchführen, vor allem auch, weil die Räumlichkeiten eigentlich zu jeder Zeit der Woche gut gefüllt sind mit Kindern und Erwachsenen jeglichen Alters. Ein grandioses Museum, aus welchem ich sowohl als Kind wie auch als Erwachsener stets immer wieder total fasziniert von der Welt herauskomme, insbesondere die «Elektrizitäts-Demonstration der Superlative», bei welcher einem die Haare zu Berge stehen, ist jedesmal wieder ein Muss!

Nun wollte ich meinen museumsfreien Tag in Winterthur doch nicht ganz ungenutzt lassen und spazierte durch die wunderschöne Altstadt, welche einem eindeutig nicht so eng vorkommt wie das Zürcher Niederdörfli, ich flanierte durch den halbleeren Stadtpark und legte mich dann im «Vögelipark» neben der Volière auf eine Parkbank und genoss einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Danach wollte ich in der empfohlenen Gotthard-Bar (Untertor) ein Bier geniessen, hat die Bar doch rund um die Uhr geöffnet. Leider hat die Riesenbaustelle auf dem Bahnhofsplatz auch fast 24/7 geöffnet und so verzichtete ich dankend auf ein wohlverdientes Haldengut (das heimische Bier mit dem Slogan: «Ein Stück Heimat»). Ein Besuch im Albani (Steinberggasse 16) konnte ich mir auch schenken, weil es bis auf den letzten Platz besetzt war und so machte ich mich auf den Weg zur anderen Seite der Geleise, nämlich zum Sulzer-Areal. Hier läuft so einiges, was der Lonely Planet leider nicht mitbekommen hat, da hätte er mal lieber hier ein bisschen besser nachgesehen, statt das gescheiterte Projekt des Zürcher Puls 5 in den Reiseführer aufzunehmen: Hier wird gezeigt, wie man Industriegebiete kreativ zu nutzen hat. Mir wurde empfohlen, dass bei der Bar Portier (Lagerplatz 3) am Montag der Monomontag stattfinde, bei welchem immer ein Künstler einen kleinen Gratis-Auftritt habe und so lauschte ich den Klängen eines Gitarre spielenden Zürcher Singer-Songwriters und trank dazu einheimische Biere. Eine weitere Empfehlung wäre die Bar Boilerroom, welche sich im Kesselhaus (Zürcherstrasse 1+3) befindet und ein gemütliches Ambiente bietet in einer 18 Meter hohen Halle: Hier fühlt sich niemand zu gross.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass der Lonely Planet-Eintrag über Winterthur der Stadt nicht wirklich gerecht wird, wenn er das Sehenswerte in erster Linie auf Kunstsammlungen und das Technorama runterbricht. Und wenn man bei Zürich in einer Sparte wie «Festivals & Events» schon Feste wie das Sechseläuten, das Knabenschiessen oder die Streetparade beschreibt, müsste doch für Winterthur auch ein wenig Platz übrig sein, um über die Musikfestwoche, die Afropfingsten, das Albanifest oder die Kurzfilmtage Winterthur usw. zu berichten. Es bleibt anzumerken, dass Winterthur durchaus auch einen Tagestrip wert ist, selbst wenn man die im Reiseführer beschriebenen Museen nicht besucht hat.

Zürich: Das hippe Enigma

Die Probe aufs Exempel für den gebürtigen Stadtzürcher ist es natürlich, Zürich mit dem Lonely Planet zu erkunden: Die meisten Orte hatte ich schon früher besucht und konnte hier wahrscheinlich ein bisschen besser als an den vorher beschriebenen Orten einschätzen, inwiefern der Lonely Planet manchmal über- oder auch untertreibt. «Zürich is an enigma», «Switzerland’s biggest city is not only efficient, it is also undeniably hip», «Zürich is an attractive city to visit at any time of year»: Das sind Worte, die ein Stadtzürcher ungemein gerne über seine Stadt liest und auch abnickt. Passt so. Aber nun ist einem genug Honig ums Maul geschmiert worden; weiss der Lonely Planet wirklich, wo die hipsten Plätze zu finden sind? – Und kann ein echter Stadtzürcher tatsächlich noch etwas von diesem Reiseführer lernen?

Alle beschriebenen Orte zu besuchen, hätte meinen zeitlichen Rahmen gesprengt, denn der Lonely Planet räumt der Stadt Zürich in seinem Reiseführer (zu Recht?) mit Abstand am meisten Platz ein. Beginnen wir mit einer top choice, dem Kunsthaus (Heimplatz 1): Es sei als Erstes darauf aufmerksam zu machen, dass der Eintritt nicht – wie im Lonely Planet beschrieben – 16 Franken kostet, sondern 15 Franken. Es scheint einer der seltenen Fälle zu sein, in welchem die Schweiz teurer eingeschätzt wurde als sie tatsächlich ist. Zudem sei darauf hingewiesen, dass die Besichtigung der Sammlungen am Mittwoch sogar kostenlos ist. Meine persönlichen Lieblingsräume im Kunsthaus sind übrigens diejenigen mit der Schweizer Malerei; in diesen kleinen, dunklen Räumen fühlt man sich gleich um 150 Jahre zurückversetzt. Aber auch sonst beinhaltet die Sammlung, um den Lonely Planet zu zitieren: «[A] rich collection of largely European art that stretches from the Middle Ages through a mix of old masters to Alberto Giacometti […], Monet and Van Gogh masterpieces […]». Sollte man auch nur ein bisschen an Kunst interessiert sein, so ist ein Besuch im Kunsthaus sehr zu empfehlen. Besonders an einem Mittwoch. Und am besten zur Mittagszeit, wenn das Kunsthaus nicht von lauter gelangweilten Schulklassen bevölkert wird.

Eine etwas eigenwilligere Art der Kunst bietet sich einem im Cabaret Voltaire (Spiegelgasse 1) an, dem Gründungshaus des Dadaismus, welches auch schon ein-, zweimal als Veranstaltungsort für Perspektive-Anlässe diente. Ein Theater, ein Ausstellungsraum, Ort der Begegnung mit vielen unterschiedlichen und lustig zusammen gewürfelten Möbeln und einem ganz eigenen Charme. Und nicht zuletzt der Bar mit einer grossen Auswahl an Absinth: «[I]t sums up the city’s contemporary trick of combining its obvious wealth with a sense of devilish social-artistic trouble-making». Kann man so durchaus so unterschreiben.

Ein weiterer Ort, welcher Kultur perfekt mit dem Gemütlichen verbindet, ist das Museum Rietberg (Gablerstrasse 15): Abgelegen zwischen Bahnhof Enge und Bahnhof Wollishofen liegt dieses Museum, welches «the country’s only assembly of Africa, Oriental and ancient-American art» – über drei Villen verteilt – zeigt. Umgeben sind die Villen von einem grossen «leafy park», welcher sich ausgezeichnet zur Erholung eignet, denn auch im Sommer ist kaum je eine Person in diesem Park anzutreffen, sei es, weil er so abgelegen liegt oder einfach kaum jemand von seiner Existenz weiss: Ein echter Geheimtipp!

Nachdem ich schon in Solothurn von einer Kirche zur anderen gewandert bin, liess ich mir dieses Schmankerl auch in Zürich nicht entgehen und betrat zumindest die drei bekanntesten Kirchen der Stadt: Die St. Peterskirche (St. Peterhofstatt) mit dem grössten Turmzifferblatt Europas, das Fraumünster (Münsterhof) mit den bekannten Chagall-Fenstern und dem Giacometti-Fenster «Himmlisches Paradies» und für mich das absolute Wahrzeichen von Zürich: Das Grossmünster (Grossmünsterplatz). Beim Grossmünster sollte man unbedingt einen der Türme besteigen (4 Franken für Erwachsene, 2 Franken für Studenten), denn die Aussicht über Zürich ist bezaubernd und der Aufstieg im engen Turm eine echte Herausforderung – insbesondere, wenn einem eine Gruppe von 50 Japanern entgegenkommt…

In Sachen Essen und Trinken empfiehlt einem der Lonely Planet so einiges, ich gehe damit einig, wenn das allseits bekannte «very-old-school alternative» Café Zähringer (Zähringerplatz 11) sehr empfohlen wird, die Raclette Stube (Zähringerstrasse 16) würde ich dann aber wirklich nur den touristischsten Touristen empfehlen. Aber, oh Wunder: «They do fondue too». Da würde ich lieber noch Edi’s Weinstube (Stuessihofstatt 14) ans Herz legen, mit seinem preiswerten Wein und den Fotografien und Bilder an den Wänden, bei welchen sich kaum Kunst von Pornografie unterscheiden lässt. Jetzt exklusiv auch PORNsecco zum Mitnehmen. Das Café Henrici (Niederdorfstrasse 1) ist auch sehr zu empfehlen mit seinem Sonntagsbrunchflammkuchen und dem breiten Kaffeesortiment, gemäss der NZZ am Sonntag «Zurichs best coffee». Der Reiseführer empfiehlt ausserhalb des Niederdörflis auch noch die klassischen Beizen und Cafés wie die Kronenhalle (Rämistrasse 4), den Zeughauskeller (Bahnhofstrasse 28a) und das Café Sprüngli (Bahnhofstrasse 21): Geheimtipps sind dies aber nicht wirklich, dafür teuer. Nun, ich würde dagegen halten mit dem Piccolo Giardino (Schöneggplatz 9) für die Fussballfans unter uns, Frau Gerolds Garten (Geroldstrasse 23), der Bar im «modularen Stadtgarten», welche gleich zwischen den beiden top choices Helsinki Hütte (Geroldstrasse 35) und dem berühmten Recyclingtaschen-Turm Freitag (Geroldstrasse 17) liegt oder dem sphéres (Hardturmstrasse 66), welches unter dem bezeichnenden Untertitel «Bar, Buch, Bühne» in Züri-West beheimatet ist. Beim Thema Züri-West («a hedonists’ playground») versagt der Reiseführer ein bisschen: Er bietet zwar einige Tipps an, darunter aber zum Beispiel auch das Puls 5 (Technoparkstrasse), welches zumindest in einer aktualisierten Version des Lonely Planet wieder gestrichen werden müsste, denn dieses Experiment hat ja nun wirklich nicht funktioniert.

Der Lonely Planet hat bezüglich der Stadt Zürich durchaus gute Arbeit geleistet, jedoch werden ein bisschen zu oft nur die klassischen alten Besichtigungs-Ziele und Restaurants genannt, welche jedoch auch in jedem heimischen Touristenführer gut vertreten sind. In einer lebendigen Stadt wie Zürich würde es einem Reiseführer wie dem Lonely Planet gut anstehen, ein wenig mehr aktuelle Geheimtipps einzustreuen, wenn man schon eine aktualisierte Version des Schweiz-Führers auf den Markt bringt. Nun, Zürich ist und bleibt eine wunderschöne Stadt, für welche man selbstredend auch einen ganz eigenen Lonely-Planet-Artikel schreiben könnte. Ich hoffe, es ist daher zu entschuldigen, wenn ich gewisse Orte ausgelassen habe, wie zum Beispiel den Le Corbusier Pavillon und das Heidi Weber Museum (Zürichhornpark), welche zusammengerechnet satte drei Tage im Jahr geöffnet haben (!), oder das Johann Jacobs Museum (Seefeldquai 17), welches zwar kostenlos gewesen wäre, aber leider zur Zeit wegen Renovationsarbeiten geschlossen war. Das Knabenschiessen und das Sechseläuten habe ich leider auch verpasst, aber vielleicht wird es noch etwas mit dem Zürifest und der Streetparade.


Daheim auf Reisen

Lonely Planet gibt es nun schon über dreissig Jahre und in dieser Zeit ist das Unternehmen zu einem Grosskonzern im Bereich der Reiseführer herangewachsen. Wie das so ist mit grösser werdenden Unternehmen, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man eine breitere Käuferschicht ansprechen will und nicht mehr – wie im Falle des Lonely Planet – die Rucksacktouristen ohne Geld. Ich stelle mir daher vor, dass die Schreiber des «Lonely Planet Switzerland» zusammen gesessen sind und sich überlegt haben, dass die Schweiz nun wirklich kein Rucksacktouristen-Ort ist, weil: teuer, teuer, teuer. Und daher müsse man den Reiseführer in diesem Falle vor allem auf ein älteres und wohl auch betuchteres Publikum ausrichten. Und dieses Publikum mag halt vor allem Architektur, Kirchen, Museen und teure Restaurants. Vielleicht tue ich dem Lonely Planet hier unrecht, aber streckenweise wirkt der Reiseführer wirklich, als wäre er nach diesem Schema geschrieben. Ein weiterer Kritikpunkt dürfte sein, dass der Reiseführer trotz der «7th edition», welche im Juni 2012 erschienen ist, manchmal doch nicht wirklich up to date ist und gewisse Fehlerchen auch nicht nachbessert. Nun ja, aber dies soll nur als kleine Anmerkung dienen, lässt sich doch über diese kleinen Mängel hinwegsehen, denn im Grossen und Ganzen ist meiner Meinung nach einiges im Lonely Planet enthalten, was die Schweiz so ausmacht, und wenn Zürich innerhalb der ersten 20 Seiten schon «one of Europe‘s hippest cities and Switzerlands most urban» genannt wird, dann sind für mich als Zürcher alle Bedenken vom Tisch gewischt: Diese Leute verstehen ihr Handwerk!

Nicht zuletzt bleibt es auch eine besondere Sache, sein Heimatland als Tourist zu bereisen und die Schweiz durch den Lonely Planet zu sehen. In Solothurn das Touristen-Büro zu betreten und sich freundlichst die Sehenswürdigkeiten erklären zu lassen. In Biel zweimal nach der Strasse zu fragen, weil der alte Mann, denn man zuerst gefragt hat, die Strassennamen nur auf französisch kennt. Im Winterthurer Stadtpark zu flanieren als wäre es der Hyde Park. Mindestens. In Zürich den kostenlosen Velo-Verleih «Züri Rollt» zu nutzen, obwohl das eigene Fahrrad gleich um die Ecke angekettet steht. Mit der Bahn fahren, aber das Touristische dann doch nicht ganz durchziehen, weil Reisen ohne Halbtax in der Schweiz an Wucher grenzt – bestes Schienennetz hin oder her. Auch wenn ich nur Schweizer Städte besucht habe und der ländlichen Schweiz mit meinem Besuch in Solothurn noch am nächsten gekommen bin, durfte ich doch einen Querschnitt durch die Schweiz erleben – zumindest der urbanen Deutschschweiz. Und was ich gesehen habe, gefällt mir in all seiner Vielfalt ausserordentlich: Die Schweiz ist schön, gemütlich, lebendig, bürgerlich, urban, kultiviert, sauber und dreckig in einem. Kurz: Ein Land zum Verlieben!

Erschienen in der August/September-Ausgabe 2013 der Perspektive, Nr. 28, Seite 09.

Weitere Blogeinträge über meine Schweizreisen mit dem Lonely Planet finden sich hier: Ein Zürcher in… Schaffhausen, Basel, Genf, Fribourg und Luzern.


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