Stumme Zürcher, laute Berner

Falls jemand sich zu gut fühlt oder vielleicht gar merkt, dass er oder sie langsam vom Boden abhebt, ich kenne ein Heilmittel: Ein Besuch im «Louis Take Away». Zeit, sich wieder einmal ordentlich beschimpfen zu lassen!

Letzten Freitag durfte ich im Cabaret Voltaire am Drei-Jahres-Jubiläum des Magazins «Die Perspektive» einer meiner Texte zum Besten geben (Achtung Schleichwerbung!). Mit leerem Magen lässt es sich schlecht vorlesen, zumindest mir geht es so, und so suchte ich im Niederdörfli nach einem schnellen Imbiss, um meine Aufregung fürs Erste mit Essen etwas herunterzufahren. Meine erste Wahl wäre das Zick Zack gewesen, aber dieses hat ja nun leider geschlossen und so habe ich dem «Louis» eine Chance gegeben. Der «Louis Take Away» hiess ehemals «Pepito Snackbar», ist aber heute der Brasserie «Louis» angeschlossen und heisst deshalb «Louis Take Away», wobei immer noch Pepitos verkauft werden, welche aber heute «Louis Baguette» heissen, was peut-être ein bisschen exquisiter klingen mag.

Auf eine etwas andere Weise exquisit ist auch die Bedienung im «Louis»: Ich hatte einen etwas arroganten französischen Koch erwartet, mit Haube und Kochschürze und allem, welcher die Baguette zubereiten würde als wäre es nouvelle cuisine, bekam es aber mit einer ganz anderen Sorte Mensch zu tun: Mit einem Berner Original urchigster Art. Ich betrat den kleinen Take Away, sah, dass der Mann hinter der Theke gerade mit dem Rücken zu mir am Baguettes zubereiten war und wollte ihn dabei nicht weiter stören, beziehungsweise einfach warten, bis ich an der Reihe war mit meiner Bestellung. Das war ein Fehler, ein grosser Fehler, denn nach einigen Minuten drehte sich der Mann um und meinte so vor sich hin, dass man hier schon «d’Schnurre obenand bringe muess», wenn man etwas bestellen wolle und überhaupt, ein «Guete Abig» hätte noch niemandem geschadet. Ob ich denn stumm sei oder was. Ich war ein wenig perplex ob soviel Gastfreundlichkeit und fühlte mich ein wenig wie ein kleines Schulkind, als ich den Mann artig begrüsste und meinen Wunsch vorbrachte. Er meinte dann bloss, ich soll mich doch gedulden, er sei noch mit einer anderen Bestellung beschäftigt. Ja, tatsächlich, was meint denn der gute Mann, warum ich ihn bis jetzt nicht mit meiner Bestellung behelligt habe?! Da will man den Mann hinter der Theke nicht unnötig unter Druck setzen und dann wird man so angepfludert. Das hätte ich ihm natürlich alles gesagt, wären mir diese Worte schon dort eingefallen, aber es war wieder einmal einer dieser Momente, in denen einem erst viel später die richtigen Worte einfallen, eben halt zu spät. Das hier ist quasi das Dokument für die Nachwelt, was ich gesagt hätte, wenn ich schlagfertiger gewesen wäre.

Da stand ich also in diesem Take Away und war etwas zwischen belustigt, irritiert und wütend und wartete auf mein Baguette. Bald einmal wurde ich dann angeschnauzt, was ich denn nun auf mein Baguette wolle, mit allem? Ich sagte, ja mit allem und auch mit scharf. Der Berner erwiderte, «mir sii hie nöd bim Türgg» und ich lächelte gequält vor mich hin, weil irgendwie schon lustig, aber irgendwie auch rassistisch und irgendwie weiss ich nicht mehr, wie man das denn anders sagen könnte. Mit scharfer Sauce bitte? Ich hätte es gerne ein wenig pikanter? Oder wie denn sonst als «mit scharf»?

Währenddessen betrat ein weiterer Mann den Laden und das Szenario von vorhin wiederholte sich ein weiteres Mal: Der Mann stand so dort, wollte den Koch nicht bei seiner Arbeit stören und wurde prompt angeschnauzt, ob er denn stumm sei. Er ging dann aber noch weiter und meinte, ob in Zürich eigentlich alle stumm seien oder einfach nur unhöflich, in Bern sagen man eben hallo, wenn man eine Lokalität betrete, damit alle wüssten, dass man da sei. Man hätte damit in Bern gute Erfahrungen gemacht, aber in Zürich seien die Leute halt anders. Der Mann erwiderte, er wollte den Koch halt nicht stressen, er wisse doch, dass die Berner nicht gerne gestresst würden. Das fand der Koch aber nicht lustig und brummelte irgendetwas in seinen dicken filzigen Bart hinein. Irgendwann war dann auch mein Baguette fertig und ich durfte mich wieder angenehmeren Dingen zuwenden, als mich wie ein Schuljunge anschnauzen zu lassen.

An dieser Stelle will ich aber betonen, dass man mich nicht falsch verstehen soll: Das Baguette war wirklich fein und auch für Unterhaltung war gesorgt, es war zumindest mal eine Abwechslung. Falls also jemand gerade merkt, dass er ein wenig vom Boden abhebt, dem würde ich empfehlen, sich in diesem Laden wieder einmal richtig ordentlich beschimpfen zu lassen! Kaum etwas anderes bringt einen schneller wieder auf den Boden als dieser urchige Berner, der gegen alle(s) und jeden schiesst – und nicht selten auch trifft.

http://www.students.ch/magazin/details/71270/Stumme-Zuercher-laute-Berner

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/stumme-zuercher-laute-berner.419447

Erschienen im Newsletter vom Di, 01.10.13.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s