«Der Schandfleck der Löwenstrasse»

Die Löwenstrasse ist eine der teuersten Strassen Zürichs. Doch zwischen all dieser teuren herausgeputzten Läden liegt eine Skurrilität sondergleichen: Das Bambushaus.

In Zeiten der Globalisierung, in der bald jede westliche Innenstadt mehr oder weniger gleich aussieht mit ihrem Starbucks, dem McDonalds, dem H&M und was es sonst noch an globalen Ladenketten gibt, ja, in diesen Zeiten scheint es mir wichtig, auch mal die kleinen besonderen Orte unter die Lupe zu nehmen, welche einer Stadt ihren ganz eigenen Charme geben und ein letztes bisschen Lokalkolorit bewahren. Beginnen wir daher mit einem der skurrilsten Läden Zürichs.
Das Skurrilste am «Bambus» ist nicht einmal unbedingt der Laden selbst, sondern seine Lage. Ziemlich zentral gelegen an einer der teuersten Strassen der Zürcher Innenstadt, der Löwenstrasse, versprüht das «Bambushaus» seinen ganz eigenen Charme. Zwischen all den sauber herausgeputzten Häusern mit ihren Sushi-Restaurants, B&O- und Nespresso-Läden, sticht einem das «Bambushaus» mit seiner heruntergekommenen und verdreckten Häuserfassade sofort ins Auge. Im Erdgeschoss führt Alice Bamberger das «Bambus», einen Kleiderladen, welcher sich insbesondere auf Militärkleidung aller Art spezialisiert hat. Immer wieder war sie mit dem «Bambushaus» in den Schlagzeilen, weil sich öfters Teile der Aussenfassade gelöst hatten und auf die Strasse fielen. 2006 stellte Frau Simon von der FDP dem Gemeinderat der Stadt Zürich sogar eine schriftliche Anfrage, was man denn bezüglich der Bausicherheit dieses Hauses zu tun gedenke, weiterhin meinte sie zum «Bambushaus»: «Der Schandfleck an der prominenten Ladenstrasse fristet weiterhin sein übles Dasein, zum Ärger aller». Frau Bamberger ihrerseits vertröstete die Stadt immer wieder, bis dann auch mal von einer Zwangsrenovation die Rede war; 2007 kam es dann aber doch zur dringend nötigen Sanierung, jedoch wurde nur das Nötigste getan und so sieht die Fassade des Hauses immer noch aus wie die eines besetzten Hauses. der Gemeinderat meinte hierzu nur, dass man halt gegen mangelnde Ästhetik nicht vorgehen könne.

Das Haus selbst erscheint tatsächlich wie ein Relikt aus einer anderen Zeit: Im einen Hauseingang, welcher ein bisschen sehr streng nach Urin stinkt, hängt in einem Glaskasten ein Luftschutz-Merkblatt des Eidgenössischen Militärdepartements vom 1. November 1951, welches Massnahmen auflistet, welche zu treffen seien bei einem Luftangriff (alle Türen schliessen (aber nicht abschliessen), Fenster öffnen und befestigen, Gashähne schliessen, usw.): Der Kalte Krieg lässt grüssen. In der Ecke befindet sich das Ladenlokal von Frau Bamberger, welcher vollgestopft ist mit Kleidern aller Art. Es riecht ein wenig wie in einem Brockenhaus und fühlt sich auch definitiv so an, überall hängen wild durcheinander gewürfelte Kleidungsstücke, alte Militärjacken, Marine-Mützen oder alte Helme der sowjetischen Armee (und auch anderer Armeen, welche ich leider mangels Fachwissen nicht identifizieren konnte). Die Helme passten mir leider nicht, dabei wäre ich so gerne das Gesprächsthema Nummer eins gewesen auf der nächsten Studentenparty. Zwischendurch findet man auch mal einen Schulranzen inklusive Fell hinten drauf und fühlt sich wieder an die Primarschule erinnert.

Die Menschen im Laden sind auch alles andere als nur Militärmenschen, im Gegenteil: Dieser Laden verkauft zwar Militärgegenstände, aber er wirkt trotzdem überhaupt nicht militärisch, eher schon fast ein bisschen hippiehaft. Dementsprechend ist das Publikum ziemlich gemischt und mindestens die Hälfte der Besucher sind wahrscheinlich wie ich nicht wirklich auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand, sondern einfach fasziniert von diesem Haus, dem Laden und den Kleidern, so im Sinne von: Was es nicht alles gibt! Zu meinem Erstaunen finden sich im Lokal aber auch viele Touristen, welche von Frau Bamberger in gebrochenem Englisch freundlich mit dem Ladeninhalt vertraut gemacht werden. Ich schaue mir ein paar Lederjacken an, die Schönste will ich schon fast anprobieren, als ich von einer Verkäuferin darauf aufmerksam gemacht werde, dass auf der Rückseite der Jacke in grossen Lettern «Polizei» geschrieben steht. Ich bin wohl nicht der Erste, welcher dies nicht bemerkt hat. Es wäre aber sicher lustig gewesen, mit dieser Jacke durch die Strassen Zürichs zu ziehen und plötzlich eine ganz komische Art des Respekts zu erfahren (oder – viel wahrscheinlicher – abfällige Blicke und Bemerkungen). Ein kleines Räuber-und-Poli unter Erwachsenen wäre aber auch nicht schlecht, wobei die richtige Polizei sicher schnell zur Stelle sein würde, die mögen falsche Polizeikleidung ja nicht sonderlich.

Das «Bambus» würde vielleicht an einer Langstrasse nicht so sehr auffallen, an der Löwenstrasse aber sticht er einem definitiv ins Auge. Als kleines Kind hatte ich sogar ein wenig Angst vor diesem Geschäftslokal, das hat sich mittlerweile gebessert, nun finde ich den Laden etwas zwischen lustig, skurril und cool. Zumindest bin ich nicht der Meinung, dass dieses Haus mit dem dazugehörigen Laden ein Schandfleck für die Löwenstrasse oder allgemein für Zürich darstellt, sondern der Stadt vielmehr seinen Stempel aufdrückt und zeigt, dass sie dazu bereit ist, auch Läden zu tolerieren, welche vielleicht nicht ganz der Norm entsprechen. Denn genau dies macht eine Weltstadt aus, welche Zürich ja immer so gerne wäre – oder ist.

http://www.students.ch/magazin/details/71409/Der-Schandfleck-der-Loewenstrasse

http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/der-schandfleck-der-loewenstrasse.421028

Erschienen im Newsletter vom Di, 08.10.13.


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