Anstandsrest oder ein Rest Anstand

Es gibt den Anstandsrest. Besser gesagt: Es gab ihn. Denn in der heutigen Zeit lässt man nicht mehr einfach einen Rest auf seinem Teller liegen, um dem Gastgeber zu zeigen, dass man genug gegessen hat. Zumindest nicht bei uns in der Schweiz. Es gibt aber auch ganz andere Reste, welche ebenfalls nicht mehr anständig sind – ganz im Gegenteil.

Wenn ich mir um neun Uhr morgens bei der Arbeit eine Tasse Kaffee hole, die Milchpackung aus dem Kühlschrank nehme, nur um dann festzustellen, dass diese nicht mal mehr genug Inhalt hat, um mir meinen Kaffee zu vermilchen, dann ist das wahrlich kein Anstandsrest, der hier übriggelassen wurde. Ganz im Gegenteil versuchte hier einfach jemand die Regel zu umgehen, dass derjenige, welcher die Milch leer macht, diese auch ersetzt. Oder dann all die anderen Personen, welche nach dieser Person die Milchpackung aus dem Kühlschrank nehmen, sie schütteln, merken, dass es der letzte Schluck wäre und sie wieder zurückstellen, ihr seid genauso schlimm! Braucht man wirklich in jedem Büro eine genaue Milchkauf-Regelung oder kann man dies auch wie Erwachsene regeln?

Oder die Personen, welche in einer Toilette noch ein Stück Toilettenpapier an der Rolle lassen, statt diese einfach durch eine neue zu ersetzen. Natürlich ist es keine grosse Sache, aber dennoch anständig und nicht zu viel verlangt. Denn, nur weil man beim Auswechseln nicht beobachtet wird und einem danach keiner auf die Schulter klopft und danke sagt, heisst das nicht, dass niemand dankbar sein wird. Zumindest muss die nächste Person nach verrichtetem Geschäft nicht auf die grosse Suche nach Toilettenpapier gehen, wenn vielleicht um ihn herum nirgendwo mehr eine Rolle in greifbarer Sicht ist. Es sind diese kleinen Dinge, welche das Leben in der Gemeinschaft erleichtern. Von anderen Anstandsresten, welche man auch nicht in der Toilette hinterlässt, beginne ich jetzt gar nicht erst.

Haltet doch bitte auch keinen Anstands-Restabstand im Tram oder bleibt gar gleich bei einer der Türen stehen, wenn noch viele weitere Menschen nachrücken wollen. Besonders nicht zur Stosszeit. Nur weil ihr jetzt im Tram seid, heisst das nicht, dass es allen so prima ergangen ist. Es würde das Leben in der Stosszeit um so vieles einfacher machen, wenn nicht jeder nur für sich schauen würde. Dasselbe Prinzip gilt übrigens auch für vollgestopfte Vorlesungen: Wer weiss, dass noch Hunderte nach ihm einen Platz im Saal brauchen, soll doch bitte keinen Anstands-Restabstand von zwei Plätzen zu seinem Mitkommilitonen halten. Er beisst ziemlich sicher nicht. Zumindest in den meisten Fällen.

Man kann mich natürlich für kleinlich halten, weil mir solche Dinge wichtig sind, aber ich für meinen Teil finde solche kleinen Dinge essentiell für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Sie verkörpern eine der wichtigsten und ältesten Maximen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens: Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg’ auch keinem andern zu. Oder: Behandle andere Menschen so, wie du gerne behandelt werden möchtest. Und wo, wenn nicht bei solchen kleinen Dingen, ist es einfacher, seinen Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. In diesem Sinne: Lasst doch bitte keine Anstandsreste übrig, sondern behaltet lieber noch einen Rest Anstand. Dankeschön.

http://www.students.ch/magazin/details/72822/Anstandsrest-oder-ein-Rest-Anstand
http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/anstandsrest-oder-ein-rest-anstand.439208


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