Blut, Schweiss und 6 Stunden im Spital

Was als eingewachsener Zehennagel beginnt, führt zu einer Odyssee durch das hiesige Waidspital: Desinteressierte Ärzte, praxisnahe Pflegerinnen, überbetreute Patienten – und mittendrin ich, als Gestrandeter in einem Gang der Notfallstation.

Mit meinem eingewachsenen Zehennägel war es wie bei vielen medizinischen Fragen: Jeder hatte eine Meinung dazu – ausser ich. Mein Hausarzt meinte, man solle da jetzt nicht lange rumdoktern und den Siech einfach wegschneiden. Er schickte mich deshalb ins Waidspital, in welchem der Oberarzt grundsätzlich von solchen Eingriffen abriet, aber ich müsse es selber wissen. Natürlich. Warum nicht den entscheiden lassen, welcher am wenigsten Ahnung auf dem Zehen-Abschneid-oder-nicht-Gebiet hat. Ach, was war ich doch dankbar, die volle Entscheidungsgewalt über meinen Körper zu haben und auch die damit einhergehende Verantwortung. Das klingt vielleicht zynisch, aber in diesem Moment fühlte ich mich schon ein wenig im Stich gelassen von den Medizinern. Schlussendlich entschied ich mich aus dem Bauch heraus für die Operation, weil ich meinen Hausarzt sympathischer fand, was zweifelsohne eine ziemlich schwache Grundlage für einen solchen Entscheid war. Das nächste Mal werfe ich an dieser Stelle einfach eine Münze.

So sass ich also eines Morgens auf der Notfallstation im Warteraum bei einem Becher Wasserspenderwasser und las in einer alten Spiegelausgabe, als eine nette Dame mich aufrief und mich in den OP-Saal führte. Ich folgte den Anweisungen und legte mich auf das Bett, meinen Fuss ein bisschen höher (ohne Kissen darunter) und dann wurde dieser mit Desinfektionsmittel eingeschmiert. Und dann durfte ich warten, der behandelnde Arzt würde gleich kommen. Ja natürlich. Ich bin ja auch fünf Jahre alt und war noch nie beim Arzt. Ungefähr eine halbe Stunde später, als ich schon Krämpfe in meinem hochgestreckten Bein hatte, ich auf die Toilette musste und mich nach einem Becher Wasserspenderwasser und dem alten Spiegel sehnte, betraten endlich der Oberarzt und seine Assistenzärztin den Raum. Er teilte mir mit, dass seine Assistentin mich nun operieren werde und schaute mich dabei mit einem «Tja, Sie wollten ja nicht auf mich hören!»-Blick an, zumindest gefühlt. Er leitete die Assistentin dabei so gründlich an, dass klar wurde, dass sie diese Operation noch nie in ihrem Leben durchexerziert hatte. Die Ehre, dass ich ihr erster Patient bei dieser Operation sein durfte, wich dem Gefühl, dass die Leute vielleicht doch recht hatten, welche die Krankenhäuser verteufelten und behaupteten, man käme immer kränker heraus, als man hineingegangen sei. Mit einem eingewachsenen Zehennagel hinein, ohne Fuss wieder hinaus. Die Teilnarkose an meinem Zehen wirkte beim dritten Mal spritzen und ich schaute einfach nicht mehr hin bis zum Ende und ignorierte die Kommentare des Oberarztes wie «Hier hättest du nicht so tief schneiden sollen!» oder «Ein bisschen vorsichtiger, sonst rutscht du noch ab!». Nach der Operation verschwand der Oberarzt gleich und die Assistentin teilte mir mit, dass ich noch eine halbe Stunde hier liegen solle und dass ich das Desinfektionsmittel zu Hause selber abwaschen solle. Sie fragte noch nach, ob ich Schmerzmittel zu Hause hätte, nur um mir nach meiner Auflistung, diejenigen zu verschreiben, welche ich schon zu Hause hatte. Vielen Dank fürs Zuhören. Sie rauschte aus dem Zimmer, ohne Abschied und überliess den Pflegerinnen das Feld, welche zuerst einmal das Desinfektionsmittel abwuschen, weil das innerhalb einer Stunde zu jucken beginnen würde. Dann lachten sie über den von Blut durchgeweichten Verband, den die Assistentin um den Zeh gewickelt hatte, und machten mir einen neuen. Ein schönes Beispiel wie weit Theorie und Praxis manchmal auseinander liegen, ich war jedenfalls froh, dass mir nach dem Werk der Halbgöttern in Weiss, eine Kohorte weisser Engel zu Hilfe eilte, um nach so viel Blut und Schmerz noch ein wenig im Kitsch zu versinken.

Es galt aber keine Zeit zu verlieren, denn der nächste Patient war schon im Anmarsch und so wurde ich mitsamt Bett auf den Gang geschoben. Und auch dort deponiert. Ich solle mich ja nicht bewegen und den Fuss schön hochlagern. Eine ganz liebe Pflegerin brachte mir dafür eine Cola, redete mir gut zu und warnte mich nochmals eindringlich, ich solle auf keinen Fall alleine auf die Toilette gehen, der Zeh blute noch zu stark. Und so wartete ich. Und wartete. Und wartete. Ab und zu kam die Pflegerin vorbei und meinte, so gehe das nicht, der Zeh blute viel zu stark. Man müsse das neu nähen. Sie teilte ihre Meinung dem Oberarzt mit, welcher aber diese Meinung wiederum nicht teilte, wohlgemerkt ohne einen Blick auf meinen Zeh geworfen zu haben. Ich hatte verstanden und meine Lektion gelernt: Nie mehr bei einem Arzt eine Operation wollen, welcher einem davon abrät. Wobei vielleicht eher: Bitte einen Arzt nie um etwas, wenn die Mittagspause naht. Gegen zwölf verschwanden nämlich alle mir bekannten Gesichter in Richtung Kantine und ich fühlte mich ziemlich allein gelassen, wie einen Gegenstand, den man im Gang vergessen hatte. Dafür nutzte ich die unbeobachtete Zeit, um der Toilette einen Besuch abzustatten. Auf dem Rückweg war das Pochen in meinem Zeh so stark geworden, dass mir ziemlich schwindlig wurde. Nun, gut zu wissen: Die Warnung war nicht zum Spass ausgesprochen worden.

Insgesamt verbrachte ich drei Stunden in diesem Flur, wobei in der meisten Zeit nicht wirklich viel passierte, so ist das halt zur Mittagszeit. Gegen Ende wurde ich dann auch gefragt, ob ich denn vielleicht Hunger hätte, so nach fast sechs Stunden im Spital. NEIN, NATÜRLICH NICHT, LASSEN SIE MICH JETZT NACH HAUSE GEHEN! Dabei war das nur nett gemeint. Aber tatsächlich hat es mich nicht am Schlimmsten getroffen. Ich musste fast ein wenig lachen ob dem Mann neben mir, welcher dem Vernehmen nach einen Schlag an den Kopf bekommen hatte mit Halbdiagnose Verdacht auf Gehirnerschütterung. Dieser Mann tat einem richtig leid, denn alle fünf Minuten kam bei ihm eine andere Pflegerin oder ein anderer Arzt vorbei und fragte nach dem Datum, seinem Alter, der Uhrzeit und machte dann den «folgen Sie mit beiden Augen meinem Finger»-Test, sodass er beim Beginn der fünften Fragerunde die Antworten einfach nacheinander ganz schnell runterratterte, um dann mit den Augen wild hin und her zu rollen. Ich glaube, es machte die Sache nicht wirklich besser, denn der fragende Arzt runzelte die Stirn. Vielleicht stellte er im Kopf schon eine weit schlimmere Diagnose als eine leichte Gehirnerschütterung. Wobei wir dann wieder bei der Hypothese wären, man komme kränker wieder aus dem Spital heraus, als man hineingeht. Und so schliesst sich der Kreis. Ich durfte jedenfalls bald einmal nach Hause mit einem Plastiksack um meinem Fuss gewickelt, weil es ein wenig bluten könnte. Zu Hause angekommen wäre ich fast auf dem Sack ausgerutscht, so voll mit Blut war er. Aber alles weitere erspare ich jetzt mir und jedem Leser. Quintessenz: Weniger enge Turnschuhe tragen ab jetzt!

http://www.students.ch/magazin/details/73690/Blut-Schweiss-und-6-Stunden-im-Spital
http://www.ronorp.net/zuerich/stadtleben/inspiration.983/stadtleben.20/leben-in-der-stadt.659/stadtgeschichten-zuerich.643/blut-schweiss-und-6-stunden-im-spital.492888


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