Gibt es Illuminaten und Freimaurer in Zürich?

Ja, es gibt Freimaurer in Zürich und Illuminaten gab es wohl auch. Viel wichtiger aber ist die Frage, ob dies ein Problem darstellt. Ein Bericht aus einer Welt zwischen Wahrheit und Mythos.

Der Politiker Mounier schrieb in seinem Buch «De l’influence», es brauche nur jemand das Wort «Illuminat» auszusprechen, um die «leichtgläubigen Leute in Schrecken zu versetzen». «Es ruft in ihrer Vorstellung sogleich das Bild einer mächtigen Sekte hervor, die im Finsteren zuschlägt und für die Massaker, Plünderungen und Verzweiflung nichts als ein Spiel sind». Das Buch ist 1801 erschienen, die Passage jedoch könnte ohne weiteres aus aktuellen Youtube-Videos stammen. Gemäss den dortigen verbreiteten Verschwörungstheorien sollen Illuminaten und Freimaurer verantwortlich sein für zig Geschehnisse von der Französischen Revolution über die Ermordung Kennedys bis zu 9/11. Sogar in Zürich scheinen sie tätig gewesen zu sein: User «TruthIsNeverTooHorrible» schreibt in einem Verschwörungsforum, die Illuminaten hätten den Zürcher Botellon 2008 ausgeheckt, damit dieses die Titelseiten der Medien füllt und Usain Bolts Lauf am Leichtathletik-Meeting im Letzigrund am selbigen Wochenende in Vergessenheit gerät. Wie so oft bleibt es bei der blossen Unterstellung, ohne Beweise zu nennen oder weitere Erklärungen abzugeben. In einem Punkt hat der Autor aber Recht: Es gibt durchaus Freimaurerlogen in Zürich und einen Illuminatenorden hat es wohl auch gegeben.

Die Freimaurer: Viel Feind, viel Ehr’
Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass Freimaurer und Illuminaten voneinander zu unterscheiden sind, wenn auch einige Freimaurer Illuminaten gewesen sind. Die Freimaurer sahen und sehen sich als humanitär-ethische Vereinigung, oder wie es in den «Allge¬meinen maureri¬schen Grundsät¬zen der Schweizerischen Grossloge Alpi-na» geschrieben steht: «Der Zweck des Freimaurerbundes ist die Erziehung seiner Mitglieder zum wahren Menschentum». Die ersten dieser Logen entstanden anfangs des 18. Jahrhunderts und verbreiteten sich rasch in weiten Teilen der Welt. Ihre Idee der Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gepaart mit den geheimen internen Ritualen liess bis heute viel Platz für eigenwillige Interpretationen und abergläubische Meinungen bezüglich der Logen. Im Laufe der Jahre zählten das römisch-katholische Papsttum, die Nazis aber auch linke Diktaturen zu den Feinden der Freimaurerei. In ihren Reihen sollen sich jedoch nicht weniger illustre Namen befunden habe, so unter anderem Goethe, George Washington, Walt Disney, Charlie Chaplin, Kurt Tucholsky oder Axel Springer. Waren sie nur auf der Suche nach Erleuchtung oder wollten sie tatsächlich eine neue Weltordnung errichten?

Geheimnisse auf dem Lindenhof?
Hierzulande entstanden die ersten Logen in der Mitte des 18. Jahrhunderts und hatten von Anfang an starken Zulauf. 1937 versuchte man die Freimaurerei auch hier zulande mit einer nationalsozialistisch angehauchten Volksinitiative zu verbieten, das Volk lehnte dies jedoch mit einer deutlichen Mehrheit ab. Gemäss der grössten Zürcher Loge «Modestia cum Libertate» zählen die 83 Schweizer Logen heute noch fast 4’000 Mitglieder. Die Freimaurer mögen zwar ein exklusiver Klub sein, jedoch haben sie informative Internetseiten, geben eigene Publikationen heraus und zumindest die Zürcher Logen sind in stadtbekannten Gebäuden auf dem Lindenhof zu finden. Wie der Autor Peter Wendling in seinem Buch über die Logen schreibt, sind sie «viel weniger geheim als viele Aufsichtsratssitzungen von Wirtschaftsunternehmen». Was zudem kaum bekannt ist: Die Freimaurer sind auch karitativ tätig. So wurde zum Beispiel das Zürcher Brockenhaus einst von der bereits genannten Loge «Modestia cum Libertade» gegründet.

Die Illuminaten: Von bedeutungslos zum Mythos
Der Illuminatenorden wurde vom Universitätsprofessor Adam Weishaupt 1776 in Bayern gegründet und sollte eine geheime Weisheitsschule sein, welche ungehindert lehren würde, was die Priester von den Lehrstühlen verbannt hatten. In den Schriften des Ordens ist zwar die Rede von einem Aktionsplan für eine indirekte, stillschweigende Okkupation des Staates, jedoch blieb dies nie mehr als eine Idee. In erster Linie lebte der Orden von seiner geheimnisvollen, mit altägyptischen Zeichen aufgebauschten Aura und dem gemeinsamen Lesen verbotener Schriften von Voltaire und anderen revolutionären Literaten. Nachdem sich Weishaupt mit dem Ordensbruder und Mitanführer Adolf Knigge (der Urheber des heute weltbekannten Benimmratgebers) überworfen hatte, stand der Orden kurz vor der Auflösung, als er gegen Ende des 18. Jahrhunderts von der bayerischen Obrigkeit zerschlagen und verboten wurde. Die Kunde über die Geheimgesellschaft der Illuminaten verbreitete sich jedoch rasant im aufgewühlten Europa und in der zeitnahen französischen Revolution sahen viele die Handschrift des Illuminatenordens und der Freimaurer. Ein Mythos war geboren, welcher die Jahrhunderte überleben wird.

Hokus Pokus und jugendlicher Leichtsinn
In der «Paranoia-Welt des Kalten Krieges», wie es Stephan Gregory in seinem Werk «Wissen und Geheimnis» passend zusammenfasst, durchlebt der Illuminatenmythos ein fulminantes Revival: Hunderte Bücher erscheinen und verbinden so gut wie jedes mythenbehaftete Ereignis mit dem «Allsehenden Auge» der Illuminaten. Insbesondere die okkulten Werke eines gewissen Aleister Crowley werden gerne gelesen. Dieser hatte zusammen mit dem Deutschen Opernsänger Theodor Reuss vor dem Zweiten Weltkrieg den «Ordo Templi Orientis» gegründet, welcher das Gedankengut der Illuminaten mit okkulten Praktiken verband. Auf einer Informationsseite einer deutschen Freimaurerloge wird behauptet, der Orden solle sich nach 1945 in Zürich wieder neu gegründet haben, nachdem er unter der Nazi-Herrschaft in Deutschland verboten wurde. Gesichert ist jedoch die Tatsache, dass es 1784 zur Gründung der «Gesellschaft zur Aufnahme des Guten» kam, welche Züge der Illuminaten trug. Mitbegründer war unter anderem der junge Johann Heinrich Pestalozzi. Dieser schrieb in seinen Memoiren, in seinem jugendlichen Leichtsinn wollte er damals alle Wahrheitsfeinde zertreten und den Bürgermeister ermorden. Es blieb beim Wollen, denn auch hier wurde kaum eine Idee in die Tat umgesetzt. Die junge Geheimgesellschaft löste sich bald wieder auf und so gibt es bis auf ein paar wenige Gerüchte keinen Hinweis auf einen aktuellen Illuminatenorden in Zürich.

Sich verstecken ist keine Stärke
Es gibt die Freimaurer, die Illuminaten hat es auch gegeben, jedoch sind sie wahrscheinlich weit weg davon, als Erklärung für jedes Unheil der Menschheitsgeschichte herhalten zu können. Oder wie es Gregory passend schreibt: «Die paranoide Zusammenhangskonstruktion erscheint hier als verzweifelter und letztlich vergeblicher Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen, in einer sich zunehmend dissoziierenden, entropischen Welt Orientierungspunkte, Strukturen ‚Sinn’ zu schaffen.» Mächtige Leute brauchen keine geheimen Treffen, um wichtige Entscheidungen zu treffen, siehe die Rotary-Clubs, das WEF, die Bilderberger-Konferenz oder eben die Freimaurer: Ihr Veranstaltungskalender ist im Internet für jeden offen zugänglich. Deshalb gilt: Aus dem Geheimen heraus agieren nur die Schwächeren.

Literaturempfehlungen:
Illuminaten
Gregory, Stephan (2009). Wissen und Geheimnis : das Experiment des Illuminatenordens. Frankfurt am Main: Stroemfeld.
Lennhoff, Eugen (1931). Politische Geheimbünde. Zürich: Amalthea-Verlag.
Freimaurerei
Baumann, Adolf (2006). Wer ist wer? : markante Freimaurer aus zwei Jahrhunderten. Zürich: Modestia cum Libertate.
Wendling, Peter (1991). Die Unfehlbaren : die Geheimnisse exklusiver Clubs, Logen und Zirkel. Zürich: Schweizer Verlagshaus.

Eine kurze Anmerkung vorweg: Dieser Artikel ist in ähnlicher, ein wenig kürzerer Form auf der neuen Plattform tsri.ch erschienen, als mein erster Artikel dort. Wer nicht ganz so viel lesen mag:
http://tsri.ch/zh/gibt-es-illuminaten-und-freimaurer-in-zuerich/


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