Die IKEA und ich sind keine Freunde

Self-Checkin, Self-Checkout, E-Banking, E-Tickets: Alles muss man selber machen. Dabei sollte der Kunde doch König sein und nicht noch für dumm verkauft werden.

In meinem Coop kann ich nun auch per Self-Checkout bezahlen. Es geht schneller als wenn ich an der Kasse anstehe. Ich kann die Produkte gleich wieder einpacken und gewinne Zeit. Und trotzdem bleibt ein fader Nachgeschmack. Dasselbe gilt für das Self-Checkin am Flughafen, das selber Geschirr abräumen in der IKEA, beim Online E-Banking: Es ist zwar effizienter und schneller, aber ich fühle mich auch benutzt oder gar ausgenützt. Ich werde zum Mitarbeiter, obwohl doch der Kunde König sein sollte. Aber auch dann bleibt die Frage, weshalb denn das ein Problem darstellt, man trägt ja selbst auch Nutzen davon.

Mich persönlich nervt es, wenn ich für dumm verkauft werde. Wenn ich in der Zeitung lese, dass Coop und Migros keinesfalls danach streben, in nicht allzu ferner Zukunft alle Kassiererstellen durch Self-checkout-Automaten zu ersetzen. Es heisst nur immer: Niemand wird entlassen! Dabei lassen sie einfach Arbeitsverträge auslaufen und stellen dann keine neuen Mitarbeiter mehr ein, weil das Self-Checkout günstiger ist. Der eigene Kunde arbeitet und er bezahlt einen sogar noch dafür. Die einzigen Mitarbeiter, welche in Zukunft noch benötigt werden, sind diejenigen, welche beim Check-out helfen und gleichzeitig sicherstellen, dass man nicht klaut. Dasselbe gilt für das Self-Checkin am Flughafen, nur dass es dort irgendwann gar keine Mitarbeiter mehr braucht, weil die Möglichkeit des Stehlens nicht besteht.

Mich nervt diese künstliche Transparenz. Dieses künstliche Getue, als seien diese Firmen dein bester Freund und wollten nur das Beste für dich. In diesem Bereich ist die IKEA der absolute König: Kaum ein anderes Unternehmen kann einem so das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden. IKEA hilft dir in allen Bereichen. IKEA erklärt auch immer alles. Wenn ich das Geschirr im IKEA-Restaurant selber abräumen muss, steht auf einem Schild geschrieben: «Warum sollte ich meinen Tisch abräumen? Bei IKEA zahlt man am Anfang weniger fürs Essen, weil man sein Geschirr danach selbst aufräumt. Mit dem Aufräumen Ihres Tabletts helfen Sie uns auch weiterhin, die Preise niedrig zu halten. Es ist so einfach. Herzlichen Dank.» – IKEA entführt einem aus der Welt der moralischen Bedenken in die Welt des unbedenklichen Konsums. Wegrationalisierte und unterbezahlte Mitarbeiter oder die Frage, weshalb diese Möbel so verdammt günstig sind und wer dafür büssen muss, stellen sich in der Welt des Konsums nicht, hier zählt nur mein vermeintlicher Vorteil. Ich habe weniger bezahlt, also habe ich gewonnen. Und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, denn ich ja meinen Teller selber abgeräumt, die Möbel selber zusammengebaut.

Auf der gleichen Ebene läuft das beim E-Banking oder bei Ticketportalen: Man wird immer wieder dazu aufgefordert, die Geschäfte elektronisch abzuwickeln. Damit man aktiv hilft, die Papierverschwendung zu verringern. Wer nicht mitmacht und sich die Steuerunterlagen oder die Tickets per Post nach Hause schicken lässt, ist mehr oder weniger ein Ökoterrorist. Hier wird einfach so getan, als wäre alles nur zum Wohle der Umwelt, dabei geht es nur um Nutzenmaximierung. Es braucht keine Filialen mit Mitarbeiter mehr, man muss keine Briefe mehr verschicken, wenn der Kunde elektronisch alles selbst erledigt. Der Kunde wird zum Mitarbeiter und dabei wird so getan, als würde man dem Kunden einen Gefallen tun. Und der Kunde fühlt sich gut, weil er per E-Banking die Umwelt rettet. Effizienzsteigerung geschieht unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit.

Aber man soll mich nicht falsch verstehen: Ich mag ökologisches Denken. Ich mag auch Effizienz. Aber ich mag es nicht, wenn man mir die eigentlichen Beweggründe verschweigt und stattdessen Scheingründe auftischt, nur damit ich mich besser fühle. Echte Freunde machen so etwas nicht, denn Ehrlichkeit ist die Basis jeder wahren Freundschaft.

Erschienen in der März/April-Ausgabe 2015 der Perspektive, Nr. 37, Seite 26.


2 Gedanken zu “Die IKEA und ich sind keine Freunde

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