Wicht – «Zürich ist mein goldener Käfig»

Der Zürcher Rapper Wicht bringt sein neues Album «Talisman» heraus. Ich habe ihn bei den Proben für die Plattentaufe in seinem Studio am Schaffhauserplatz besucht und mit ihm über Zürich, die Illuminaten und stinkende Schuhe gesprochen.

Im Jahre 2004 wird mit seinem Part auf dem Song «Ich bin au» von E.K.R. erstmals ein grösseres Publikum auf den damaligen «Chli Wicht» aufmerksam, welcher vorher nur auf ein paar wenigen Mixtapes zu hören gewesen war. Kurz darauf lässt Eki Wicht bei einem Auftritt im Erismannhof als Backup-Rapper ans Mikrofon und nimmt ihn auf weitere Konzerte mit. Es folgt sein Debutalbum «Wichtig», weitere Alben, Auftritte und Songs mit namhaften Künstlern wie Kool Savas. Wicht erzählt, ein wichtiger Punkt war für ihn, als er 2005 im Dynamo als Vorgruppe für Bushido spielen durfte und dieser ihm sein Lob aussprach. Da hat er gemerkt, dass er jedes Publikum «auseinander nehmen» kann, wenn er will.

Nun – über zehn Jahre später – treffe ich Wicht an einem regnerischen Mittwochabend an seinem langjährigen Arbeitsplatz im Schuhladen «Pomp it up» im Niederdörfli. Die Proben für sein neustes Album «Talisman» stehen an und ich darf dem Rapper dabei über die Schultern schauen. Auf dem Weg zum Studio am Schaffhauerplatz sprechen wir über das Schuhgeschäft («Es läuft nicht schlecht, nur der Euro macht alles ein wenig schwierig») und Wicht erzählt von einem früheren Job, bei dem er als Tomate verkleidet Werbegeschenke verteilen musste und dabei von Kinder verfolgt wurde. Wicht ist ein guter Unterhalter, er hat stets ein Lachen im Gesicht. Im geräumigen Studio begrüsst uns Wichts Back-Up Jerry Kauz (früher bekannt als Zeriouz), mit welchem die Proben hauptsächlich stattfinden: Es geht darum, die Setliste mit den Songs gemeinsam durchzugehen und die Texte auswendig und aufeinander abgestimmt zu performen. Zuerst aber setzen Wicht und ich uns hin und führen ein Interview.

 

Ist dein neues Album erwachsener? Gerade vielleicht im Vergleich zu deinem ersten Album «Wichtig», dort hast du noch ziemlich wütend geklungen.

Ich war damals wirklich wütend auf sehr vieles. Vermutlich am meisten auf mich selbst, ich habe es aber vor allem an den anderen ausgelassen. Das neue Album ist sehr viel erwachsener. Ich bin zwar immer noch der gleiche Mensch, aber ich gehe zum Beispiel auf dem neuen Album erwachsener mit meinen Worten um. Ich fluche nicht mehr, man könnte sogar sagen, es ist ein kindergerechtes Album. Wobei ich schon auch Dinge sage, die nicht ins Abendprogramm des Fernsehens passen. Ich rappe zum Beispiel über den Völkermord in Ruanda. Ich finde, das darf nicht in Vergessenheit geraten und vor allem müssen wir daraus lernen.

Ist es dir wichtiger geworden, auf den Alben eine Message zu haben, kritischer zu sein?

Die Message war schon immer wichtig. Aber je mehr der Zorn sich legt im Leben, desto präziser kann man die Dinge ansprechen, welche einem auf dem Herzen liegen. Früher war ich halt einfach sehr zornig und hatte viel Energie… heute könnte ich gar nicht mehr solche Dinge tun wie früher. Damals stand ich oft alleine auf der Bühne und habe einfach eine Stunde durchgeschrien, ich könnte das heute gar nicht mehr.

Hast du als Rapper den Erfolg, denn du verdienst?

Ich habe erreicht, was man in meinem Rahmen erreichen kann. Ich würde gerne von der Musik leben, aber nicht zu dem Preis, den man in der Schweiz dafür bezahlt. Bei all den Rappern, welche kommerziellen Erfolg hatten, sehe ich die Kompromisse, die sie dafür eingehen mussten. Das wollte ich nie.

Auf der Crowdfunding-Seite, wemakeit.com hast du erfolgreich Geld gesammelt für eine Vinylpressung von deinem neuen Album. In der Projektvorstellung hast du geschrieben, dass du dich musikalisch auf den 90er-Jahre Hip-Hop zurückbesinnen willst, die so genannte «Golden Era» des Rap. Der Produzent scheint da nicht unwichtig. Wer hat das Album produziert?

Produziert hat das Album Serch del Oro. Er ist auch der Labelhäuptling (beim Zürcher Label «No Code», Anm. d. Red.), welcher mich seit Jahren begleitet und unter anderem auch die Slang Nacht Jahre lang organisiert hat. Selber war er aber als Künstler nie präsent, deshalb habe ich ihn vor drei, vier Jahren gefragt, ob er vielleicht noch ein paar alte Beats herum liegen hätte… oder vielleicht auch gleich neue Beats machen könnte, welche ein wenig nach früher klingen. Und das hat geklappt: Er hat einen grossen Anteil an diesem Album.

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Die Rückbesinnung auf die 90er ist demnach gelungen?

Ja, es ist musikalisch sehr klassisch geworden, eigentlich nur mit Samples. Manchmal wurden aber auch Gitarre und Bass live eingespielt. Wir werden bei ein, zwei Konzerten auch mit Band auftreten.

Nach welchen Kriterien hast du die Feature-Gäste ausgewählt (Tommy Vercetti und Steff La Cheffe)?

Die Auswahl habe ich anhand der Frage getroffen: Wer ist auch ein wenig poetisch unterwegs in der Art und Weise, wie er schreibt? Bei Tommy habe ich schon lange verfolgt, was er so macht und wir haben dann gemeinsam den Song «Geisterbahn» aufgenommen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bei Steff La Cheffe war es keineswegs, weil sie eine Chartstürmerin ist. Wir sind uns damals schon sehr früh im Volkshaus begegnet. Die Begegnung war zwar ziemlich kühl gewesen, aber ich habe mir gedacht, ich probiere es einfach nochmals… und das hat gut funktioniert, Steff ist wirklich eine unkomplizierte Dame und coole Frau.

Warum ist auf deinem Album keiner der Gäste aus Zürich?

Mein letztes Mixtape «BlauWeiss 2» war schon lokalfanatisch hoch zehn – und das ist auch etwas, was einem mit der Zeit dann immer angekreidet wird in der Musiklandschaft. Auf diesem Album wollte ich auch mal etwas anderes machen und habe bei den Gästen ein wenig Rosinen gepickt. Zum Glück haben Steff und Tommy zugesagt.

 

In einem deiner Songs sagst du, du seist kein Illuminat. Glaubst du an eine solche Vereinigung?

Was heisst hier glauben, für mich ist es einfach naheliegend. Ich finde es auch spannend, über solche Dinge zu lesen und zu recherchieren. Gleichzeitig sollte man sich aber auch auf sein eigenes Leben konzentrieren und sich damit nicht wahnsinnig machen. Ich kenne da schon auch ein paar wache Geister, welche fast ein wenig abgedreht sind wegen solchen Dingen. Die hatten dann ziemlich Mühe mit ihrem Leben.

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Was bedeutet Zürich für dich?

Zürich ist mein Mutterkuchen. Ich bin hier aufgewachsen und lebe hier. Die Stadt ist mein goldener Käfig auf der einen Seite. Andererseits ist es auch mein Laufband, von dem ich nicht wegkomme. Ich bin wie der Strom in einem Generator, der immer seine Kreise zieht. Ich laufe und laufe und komme kaum hinaus.

Was würdest du machen, wenn du nicht ständig auf diesem Laufband wärst, in diesem Alltagstrott?

Ich würde sicher mehr für meinen Körper tun. Gesünder Essen. Noch mehr Musik machen.

Was sind deine Erwartungen an das Album?

Ich will eine coole Plattentaufe spielen und ein paar gute Konzerte damit haben. Dieses ganze Chart-Ding interessiert mich nicht sonderlich. In der richtigen Woche kommt man ja schon mit 200 verkauften Platten in die Top 10. Die Relationen haben sich schon ziemlich geändert. Mir ist daher vor allem wichtig, dass wir live auftreten können und wir fast alles pünktlich beieinander haben. Zusätzlich sind wir am Üben, geben Interviews und ich muss auch noch meinen Job machen.

Eine letzte Frage zu deinem Job: Was für einen Schuh kannst du gerade empfehlen? Was ist gerade dein Lieblingsschuh?

Der «Gel Lyte V» von Asics, weil er so flauschig weich bequem ist und super aussieht. Man kann ihn den ganzen Tag tragen und am Abend stinkt er kaum.

 

Nach dem Interview zeigt mir Wicht das zweite Video nach «du weisch…», welches zur Zeit noch unveröffentlicht ist. Es ist ein Low-Budget-Film, in welchem illustre Gäste wie Jean Ziegler oder Che Guevara eingeblendet werden. Er erklärt nicht ohne Stolz, dass sein Vater das Video produziert hat. Die Albumproduktion mit allem drum und dran habe damit fast schon ein wenig etwas von einem Familienbetrieb.

Wicht setzt sich ans Schlagzeug, Jerry packt sich das Akkordeon und die zwei jammen zuerst einmal zehn Minuten – als Aufwärmübung für die eigentlichen Proben. Wenn man sieht, mit welcher Intensität und Passion Wicht auf die Drums schlägt oder seine Texte ins Mikrofon rappt, so beeindruckt das längst nicht nur Bushido. Performen kann der Zürcher auch nach über zehn Jahren noch wie der frühere, zornige Wicht. Zeuge davon kann man erstmals an der Plattentaufe im Helsinki am 25.04.15 werden.


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