Scherrers Liste in der NZZ: Artikel gegen Klimakunde in der Schule

Dieser Tage ist in der NZZ wieder ein journalistisches Machwerk des ehemaligen Weltwoche-Schreiberlings Lucien Scherrer erschienen. Scherrer fällt auf mit seinen oft polemischen Artikeln – sei es ehemals bei der Weltwoche (hier) oder nun auch bei der NZZ (tsüri.ch berichtete hier (Kalbreite-Bashing) und hier (Linksextremen-Artikel). Der Titel des neusten Artikels ist: «Spiel mir das Lied vom Klimawandel». In diesem stellt Scherrer in väterlicher Sorge um die Zürcher Jugend den Stadtrat an den Pranger (im speziellen Claudia Nielsen und das Gesundheits- und Umweltdepartement), welcher versucht, diesen armen Kindern «eine Art grünen Staatstrojaner einzupflanzen».

Konkret bietet das Zürcher Gesundheits- und Umweltdepartement auf seiner Internetpräsenz «Unterrichtseinheiten zur 2000-Watt-Gesellschaft» an, welche unter anderem deren Ansatz erklären und ein ökologisches Bewusstsein bei den Kindern fördern sollen. Diese Unterrichtsmaterialien können von Lehrerinnen und Lehrern bestellt und in ihren Klassen unterrichtet werden – sie sind also nicht Teil des festen Lehrplans, sondern eine optionale Ergänzung. Scherrer passt dies aber trotzdem nicht: Er wittert eine rotgrüne Indoktrinierung der Zürcher Schulkinder nach totalitärer Machart – und schiesst damit weit über das Ziel hinaus.

Sieht man davon ab, dass das Stadtzürcher Stimmvolk 2008 die Vorlage zur 2000-Watt-Gesellschaft mehr als deutlich angenommen hat und demnach das Bereitstellen von entsprechenden Lehrmitteln durchaus demokratisch legitimiert ist (frühe Förderung Bewusstsein = eventuell später weniger Energieverbrauch), stellt sich eine ganz grundlegende Frage: Wieso sollen Kinder und Jugendliche nicht entsprechend informiert werden?

Schon im letzten Jahr schrieb Scherrer vom «Znüni-Terror»: Arme Kinder würden einfach „mir-nichts-dir-nichts“ in der Schule über gesundes und ungesundes Essen belehrt. Und nun auch noch über den Klimawandel und seine Folgen – und sogar darüber, was man selbst dagegen tun könnte: Tragisch! Dabei kritisiert der Autor das Lehrmittel wie folgt:

«Mit Parolen wie: «Wir leben auf grossem Fuss» soll den Kindern zuerst ein schlechtes Gewissen eingeimpft werden. Dann wird ihnen gesagt, was sie zu tun, zu lassen und zu denken haben. Bio-Hemden und heimisches Gemüse kaufen, so steht in den Lehrmitteln geschrieben, ist brav, genauso wie Zug- und Busfahren; zuviel Fleisch essen ist nicht gut, und die «Macht der Marken» und der Konzerne ist unheimlich. Das umstrittene Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft dagegen gilt es nicht zu hinterfragen – es wird den Schülern als «technisch machbare» und «global gerechte» Notwendigkeit verkauft, bei der alle mitzumachen haben.»

Scherrer bringt hier auf den Punkt, was ihn offensichtlich stört: Die Bevormundung durch das Lehrmittel. Dabei stellt er es erstens so hin, als wären das alles Halbwahrheiten und reine Meinungsfragen, ohne jedoch darauf einzugehen, warum das so sein sollte. Zweitens tut er gerade so, als wäre das Lehrmittel der einzige äussere Einfluss, dem ein Kind ausgesetzt ist und dass durch ein paar Schulstunden eine vollumfängliche vermeintlich rotgrüne Gehirnwäsche stattfinden könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Würde es der Autor nicht so ernst meinen, wäre es fast schon belustigend, denn was sind schon diese paar Schulstunden mit dem Öko-Lehrmittel im Gegensatz zur täglichen Reizüberflutung durch Werbung und Medien (Stichwort «Macht der Marken»). Wenn es so einfach wäre, das ökologische Bewusstsein der Menschen im Sinne der 2000-Watt-Gesellschaft zu ändern, wäre ebendiese wohl schon erreicht. Aber wie der Autor selber richtig schreibt/zitiert (2000 Watt noch in weiter Ferne/NZZ) ist diese eben gerade noch nicht erreicht. Darüber macht der Autor sich dann entsprechend lustig, wenn er schreibt : «Und dies, obwohl sich mittlerweile eine ganze Reihe von grünen Pädagogen darüber Gedanken machen darf, wie man den Nachwuchs auf den richtigen Weg bringen könnte».

Gegen Ende des Artikels macht Scherrer noch eine «eine kleine Umfrage in der Lehrerschaft» bezüglich des Lehrmittels, zitiert darin einen Sek-B-Lehrer wörtlich; dieser ist dem Lehrmittel gegenüber positiv eingestellt. Die Lehrer, welche gegen das Lehrmittel sind, werden überraschenderweise nicht wörtlich zitiert, aber: «Andere Lehrer sind kritisch: Solange man bei derartigen Übungen nicht mitmachen müsse, gebe es kein Problem. Andernfalls schon». Über die Sinnhaftigkeit und Repräsentativität dieser Umfrage lässt sich wohl streiten.

Letztendlich bleibt im Unklaren, warum es Lucien Scherrer dermassen stört, dass an Zürcher Schulen der Klimawandel zum Thema gemacht wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass ihn wohl eher stört, in einer rotgrün dominierten Stadt tätig sein zu müssen, welche tatsächlich eine 2000-Watt-Gesellschaft anstrebt. Warum auch immer ihm diese nicht zu passen scheint. Denn: Ich sitze hier im schneefreien Zürich, nachdem zwei Jahre hintereinander das wärmste Jahr seit Messbeginn gemessen wurde (hier) und frage mich, was daran auszusetzen ist, wenn bei unserer Jugend versucht wird, ein ökologisches Bewusstsein zu schaffen, damit sie sich nicht erst Gedanken über das Schicksal der Erde macht, wenn es für ihr Handy keinen Strom mehr gibt, wie es der im Artikel zitierte Sek-B-Lehrer so schön formuliert.


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