5000 Stunden mit Ego-Shooting – «Deleted Scenes»

Am letzten Sonntag ist ein Artikel von mir in der «SonntagsZeitung» erschienen, welche zum einen die Spieleplattform «Steam» als Thema hatte, in erster Linie jedoch den Intensivspieler Lee. Diesen habe ich über die Statistik-Plattform «steamladder» gefunden, auf welcher er mit über 5’000 durchgespielten Stunden auf «Steam» in der Schweiz auf Platz 38 steht (Stand 3.4.2016). Als einer der wenigen der Intensivspieler, welcher mit mir sprechen wollte, war Lee als Interviewpartner ein absoluter Glücksgriff: Kaum je hatte ich jemanden getroffen, der so offenherzig über sein Leben sprach und danach auch nichts davon umgeschrieben haben wollte. Lee entsprach glücklicherweise auch kaum den gängigen Gamer-Klischees: Der 32-jährige gelernte Polymechaniker arbeitet seit fünf Jahren als Miterzieher in einer Wohngruppe für verhaltensauffällige Jugendliche und zockt in der Freizeit vor allem Egoshooter.

Nun hat man in einem Print-Artikel eine begrenzte Zeichenzahl und längst nicht jeder interessante Gesprächsfetzen findet Platz darin. Ich habe mich deshalb entschlossen, zumindest die besten nicht erschienenen Antworten des Interviews hier zu veröffentlichen. Quasi die «Deleted scenes» des SZ-Artikels. Ein «Leak» der Interviewaufnahmen. Als Freund der schlechten Wortspiele würde ich sie sogar «Leeks» nennen. Nun denn, springen wir hinein ins Getümmel.

Ich sitze mit Lee an einem Glastisch im Wohnzimmer seiner Wohnung. Er hat einen Krug Eistee bereitgestellt. Ich bin eine gefühlte Ewigkeit durch drei Kantone übers Land gerattert, um Lee im oberaargauischen Rohrbach zu besuchen und bin daher froh um die Erfrischung. Losgelegt wird gleich mit der alles entscheidenden Frage:

Hast du wirklich über 5000 Stunden gespielt?

Ja, aber es interessiert mich nicht. Ich schäme mich nicht dafür, falls du das meinst.

Wie spielst du?

Normalerweise spiele ich im Team, aber ich habe oft unter der Woche frei. Dann dümple ich alleine auf Counter Strike-Karten herum und suche Stellen, welche mir online einen Vorteil verschaffen könnten. Also im Sinne von: Wo kann ich mich hinstellen, so dass ich den Gegner sehe, er mich aber nicht.

Gibt es tatsächlich noch Orte, welche in diesem Spiel unentdeckt sind?

Das ist die ewige Hoffnung des Gamers, dass da immer noch Platz für Verbesserungen ist.

 

 

Im späteren Verlauf des Interviews zeigt mir Lee, was er damit meint: Wie er «Counter Strike: Global Offensive» (CS:GO) mit den niedrigsten Grafikeinstellungen spielt, damit die Ziele näher wirken und die Blendgranaten nicht so grell leuchten. Wie er High-End-Kopfhörer gekauft hat, damit er im Spiel heraushören kann, ob jemand sich auf Sand oder Kiesel bewegt. Das sei überlebenswichtig. Und zu guter Letzt zeigt mir Lee, wie er teilweise wochenlang auf vorgefertigten Übungskarten bestimmte Granatenwürfe übt, wobei er beispielsweise eine Granate so an eine Wand wirft, dass diese von ihr abprallt und im gegenüberliegenden Fenster zur Explosion kommt. Es ist immer faszinierend, wenn Menschen Dinge so passioniert tun, dass es einem als Beobachter von ausse schon ein bisschen schräg vorkommt.

 

 

Triffst du dich neben deinen Übungseinheiten alleine auch mit deinem Team zum Training?

Ich habe seit drei Monaten ein CS:GO-Team, da treffen wir uns zweimal wöchentlich und trainieren. Für Turniere, Meisterschaften und LANs. Das Ganze ist schon sehr kompetitiv.

Was ist deine Rolle im CS:GO?

Ich bin ein Lurker. Ich versuche dem anderen Team die Wege abzuschneiden, sie zu flankieren. Ich bin quasi der Spielverderber.

Durch diese Rolle im Spiel habe ich meinen Nicknamen bekommen. Ich habe früher mit Luzernern gespielt und einer hat mich dabei öfters Luuszapfen genannt. Geblieben ist davon mein Spielername: LuuszapfLee.

Du bist Mitglied in einem Spielerverein, den «Crude Bastards». Ihr habt über 50 Mitglieder und spielt viele verschiedene Games miteinander. Kennt ihr euch nur über das Onlinespielen oder geht es darüber hinaus?

Wir kennen uns alle persönlich und machen auch viele Real Life Events. Dieser persönliche Kontakt ist mir schon wichtig.

Hattest du die klassischen Gamer-Klischees und –Vorurteile im Kopf als du das erste Mal auf die Vereinsmitglieder getroffen bist?

Nein, gar nicht. Ich bin ein sehr toleranter Mensch. Im echten Leben viel mehr als beim Gamen. Beim CS-Gamen sind beispielsweise die Russen ganz grauenhaft. Die beleidigen immerzu. Ich kenne so ziemlich alle russischen Schimpfwörter, die es gibt.

Hat sich deine Art zu spielen verändert über die Jahre hinweg?

Ich bin nicht mehr so ein Hitzkopf wie früher. Damals sind schon auch mal Controller Richtung Fernseher geflogen und beides ging in die Brüche. Das gibt es heute nicht mehr. Ist zu teuer.

Du wohnst mit deiner Freundin zusammen, welche kaum zockt. Wie meint sie zu deinem zeitintensiven Hobby?

Meine Freundin akzeptiert das. Da ich im Gegensatz zu ihr unregelmässig arbeite, spiele ich vor allem, wenn sie nicht zu Hause ist. Aber ich sitze am Wochenende schon zuerst an den Computer und schaue was online so läuft. Sobald sie dann aber aufsteht und beispielsweise etwas unternehmen will, rückt das Gamen in den Hintergrund. Es ist mir wichtig, diese Balance zu halten.

Wann spielst du am meisten?

Wenn auf der Wohngruppe etwas Heftiges passiert ist. Selbstverletzendes Verhalten zum Beispiel. Das nimmt mich meistens ziemlich mit und mit dem Gamen kann ich mich davon ablenken. Gerade jetzt kommen viele UMAs (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) zu uns. Die haben teilweise dramatische Lebensgeschichten hinter sich und sind dementsprechend traumatisiert. Das ist nie einfach.

Hat das Gamen dir schon an anderen Orten im Leben weitergeholfen?

Man wird kreativer. Man lernt Dinge kennen, die man im realen Leben nicht kennen lernen würde. Zudem zocken sehr viele der Jugendlichen. Einige von ihnen flüchten sich in Game-Welten, wenn zu Hause etwas nicht stimmt. Wenn man sich dann selbst als Gamer outet, geht da ein grosses Tor auf: Über die Ansichten, welche ein Jugendlicher von einem Game hat, lernt man ihn selbst auch besser kennen. Wenn jemand im Game selbst praktisch unzerstörbar sein will und ihm das besonders wichtig ist, sagt das schon viel über den Menschen dahinter und seine Probleme aus.

Wissen deine Mitarbeiter von deinem intensiven Hobby?

Ja, schon. Ich habe für mein Team auf der Wohngruppe auch schon einen Vortrag über das Gamen gehalten. Dabei habe ich die Genres vorgestellt und einige Spiele-Klassiker. Das gute Feedback danach hat mich sehr gefreut, denn ich will diese alten verstaubten Gamer-Klischees aktiv bekämpfen. Persönlich glaube ich, ein Jugendlicher oder Erwachsener, der vier Stunden durchspielen kann, ist mental ziemlich fit. Gerade im E-Sport-Bereich sind die Leistungen beeindruckend und werden von der Gesellschaft viel zuwenig respektiert. Für mich ist das tatsächlicher realer Sport.


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