Ein bisschen Berlin am Lochergut

Das Lochergut versprühte schon immer ein wenig den Berlin-Flair. Aber nie den des trendy-hipster-Berlins, sondern mehr den des leicht bedrückenden DDR-Plattenbauten-Berlins. Lange Zeit war der grobschlächtige Gebäudekomplex aus den 60er-Jahren das Wahrzeichen der umliegenden Arbeiterquartiere: Praktisch statt protzig, preisgünstig statt prachtvoll.

Durch die Verkehrsberuhigung der Weststrasse hat sich das Gesamtbild der Umgebung über die Jahre stark verändert. Die Zeichen stehen auf Aufwertung. Das ehemalige Arbeiterquartier hat sich zum Trendquartier gemausert. Dabei wirkt das Lochergut selbst je länger je mehr wie ein Relikt aus vergangenen Tagen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem «Bistro Lochergut», welches über zehn Jahre im Parterre des Locherguts beheimatet war: Schlichtes Interieur, schlecht ausgeleuchtet, dafür bezahlbar. Letztes Jahr musste das Café aus wirtschaftlichen Gründen schliessen. Die Stadt schrieb das Lokal neu aus – gekoppelt an einen Katalog von Bedingungen. So heisst es im Inserat unter anderem «Die Stadt legt Wert auf Gastfreundschaft, konstante Qualität und ein solides Preis-Leistungsverhältnis. Ebenso soll das Angebot […] Quartierbewohner ansprechen».

Dass die Lokalität nicht einfach an den erstbesten Starbucks oder McDonalds vermietet wird, kann man der Stadt hoch anrechnen. Aber bei dieser langen Liste von Bedingungen stellte sich die Frage, wer denn diese alle erfüllen könne? Bei aller Aufwertung blieb zudem eine zweite Frage offen: Wie stellte sich die Stadt den durchschnittlichen Quartierbewohner denn mittlerweile genau vor? – Die Antwort folgte mit dem Zuschlag.

Eine Liebesgeschichte ohne Kafi Crème

Am 13. Mai hat das «Grand Café Lochergut» seine Pforten geöffnet. Im Gespräch erklärt Mitbetreiber Adil Pajaziti, man wolle im Café kulinarische Ideen aus Tel Aviv gepaart mit einer hochwertigen Kaffeekultur anbieten. «Bei uns wird es keinen Kaffee Crème geben, nur Getränke auf Espresso-Basis, von professionellen Baristas gebraut», erläutert Pajaziti.

Auf die Preise angesprochen, wollen sich die Betreiber nicht präzise festlegen. Pragmatisch antwortet Pajaziti «Wir werden sicher teuer sein als das bisherige Bistro Lochergut, jedoch auf dem Niveau der umliegenden Cafés wie dem Bebek». Qualität hat seinen Preis. Aber wer ist bereit ihn zu zahlen?

Die Antwort liefert Samuel Mathys, der Geschäftsführer des Cafés: «An schönen Tagen ist rund um den Idaplatz oder den Bullingerplatz alles voll und die Leute suchen nach weiteren Orten, um schön zu käfelen». Das «Grand Café» bediene also durchaus eine bereits vorhandene Nachfrage.

Und überhaupt: Viel lieber als über die Preise und die Nachfrage sprechen sie von Konzepten, von schöner Aufmachung, Liebe zum Detail. Davon, dass der Halbsatz «Begin of a love story…», welcher seit Wochen an der Fensterfront des Lokals prangt, mehr als nur ein Slogan sei. Es werde damit eine Geschichte eines Paares erzählt werden, dass sich in ihrem Café kennenlernt. Zu viel wolle man aber noch nicht verraten.

Klar wird einzig: Es reicht nicht mehr, gut zu kochen oder einen günstigen Kaffee anzubieten – um sich durchzusetzen muss man in Zürich mit ganzheitlich durchdachten Konzepten auffahren. «Die Stadt ist klein und die Konkurrenz gross. Wenn es für die Leute nicht stimmt, sind sie schnell wieder weg», erklärt Pajaziti.

«Wiedikon erinnert an den Prenzlauer Berg»

Das «Grand Café» gehört zu einer neuen Generation von Gastronomen rund um das Lochergut. Betriebe wie das «Lily’s» oder «Miki Ramen» (und erweitert das «Bebek») mit ähnlich trendigen Konzepten haben allesamt in den letzten zwei Jahren eröffnet. Es verwundert nicht, dass sich die Neulinge alle kennen und schätzen. Man sehe sich mehr als Partner denn als Konkurrenten, meint Mathys dazu. Pajaziti ergänzt: «Je mehr Gastrolokale an diesem Ort sind, desto besser. Dann wissen die Leute, dass hier etwas läuft».

Pajaziti schätzt die Richtung, in welche sich das Viertel entwickelt. «Wiedikon erinnert mich an den Prenzlauer Berg in Berlin. Ein ehemals verschlafenes Viertel, welches nun aufgeblüht», schwärmt er. Das «Grand Café» wolle darin die Rolle als «Wohnzimmer des Quartiers» übernehmen. Sorgen mache alleine die hohe Lärmbelastung, welche es den Sommer über durchaus geben könnte, denn alle neuen Gastrobetriebe haben eine Vielzahl an Aussensitzplätzen. Es wird sich zeigen, ob dies von den Anwohnern geduldet wird oder ob es zu Lärmklagen wie an der Langstrasse kommt (tsüri kommentierte).

Weniger Ernst des Lebens – mehr Leben im Ernst

Das «Grand Café» bleibt nicht die einzige Neueröffnung ums Lochergut. Ein paar Meter weiter wird es im ehemaligen Fotofachgeschäft «Foto-Ernst» ab dem 11. Juni für 100 Tage ein Parallellevent zur Kunstbiennale «Manifesta 11» geben – inklusive Barbetrieb an ausgewählten Wochenenden in der «Fotografierbar». Alles weitere – wie Programm und andere Feinheiten – wird demnächst auf hauseigenen Webseite bekannt gegeben, so Fiona Stifter, Projektleiterin Haus und Gastro. «Es wird jedoch ein Begegnungsort der analogen Kunst!», schwärmt sie schon jetzt.

Vieles hat sich am Lochergut verändert und einiges zum besseren. Ist es ein Grund empört «Gentrifizierung!» zu schreien, während man im neuen «Grand Café» seinen Flat White schlürft? Kann sein. Man kann es aber auch pragmatisch sehen. Solange Kultlokale wie das «Meyer’s» noch im Schatten des Locherguts bestehen können, wirken all die neuen Gastrobetriebe eher als Bereicherung, denn als Verdrängungsmaschinen. Egal, wie man es dreht oder wendet, fest steht: Es wird ein heisser Sommer am Lochergut.


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