Alleine zwei Bier bestellen an der Bar – in Schweden eine Unmöglichkeit

systembolaget

Seit einigen Monaten befinde ich mich nun als Austauschstudent in Schweden, präziser im Studentenstädtchen Lund, – und ich komme nicht umhin, einige Sonderlichkeiten festzustellen. Das Auffälligste ist wohl das schwedischen Verhältnis zum Alkohol, oder zumindest die entsprechenden Alkoholgesetze. Es folgt ein Listicle mit meinen Beobachtungen diesbezüglich.

– In Schweden werden jegliche Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 3.5 Prozent in eigens dafür geschaffenen staatlichen Läden verkauft, den sogenannten «Systembolaget». Und diese sind an Unwirtlichkeit kaum zu überbieten: Der Alkohol ist stark besteuert und daher ziemlich teuer. Jegliche Getränke werden ungekühlt und einzeln verkauft (das System «Sixpack» gibt es in diesen Läden nicht). Es läuft keine Musik, weil diese verkaufsfördernd wirken könnte – wobei man dies eher als Pluspunkt aufführen könnte. Während normale Lebensmittelgeschäfte die ganze Woche über bis 22 Uhr geöffnet haben, schliessen die «Systembolaget» unter der Woche zwischen 18 und 19 Uhr, am Samstag um 15 Uhr und am Sonntag sind sie ganz geschlossen. Schlussendlich habe ich jedes Mal um einiges mehr eingekauft, als ich eigentlich wollte, nur um möglichst selten an diesen Ort gehen zu müssen. Die Schweden selbst stehen aber grösstenteils hinter dem «Systembolaget»: 77 Prozent wollen die Läden weiterhin behalten – gemäss einer Umfrage der «Systembolaget» zumindest.

– Der Verkauf von Alkohol an unter 20-Jährige ist in Schweden verboten. Deshalb muss man sich bei jedem Besuch im «Systembolaget» ausweisen, sofern man nicht im Rentenalter ist. Und wehe, man hat eine minderjährige Person dabei, zum Beispiel eine 19-jährige Kollegin. Das geht gar nicht. Es muss sich nämlich nicht nur der Einkaufende ausweisen, sondern alle, die mit dabei sind. Da verstehen die Schweden keinen Spass.

– Ähnlich absurde Situationen entstehen, wenn man versucht, an einer Bar zwei Bier für sich und eine andere Person zu bestellen, diese Person aber nicht mit am Tresen steht. Das ist nicht möglich in Schweden, jeder, der ein Bier will, muss immer mit an die Bar. Das hat wohl damit zu tun, dass der Verkauf von Alkohol an stark alkoholisierte Personen verboten ist und ansonsten die Kontrolle fehlen würde. Spätestens an diesem Punkt fühlt man sich dann schon ein wenig bevormundet und nicht für voll genommen. Oder manchmal bereits für zu voll genommen. Hoho.

– In einer Bar habe ich erlebt, dass man ab 22 Uhr keinen Pitcher (1.5-1.8 Liter Bierkrug) mehr kaufen konnte. Drei Bier mit dem mengenmässig selben Inhalt waren aber total okay. Natürlich nur, wenn die zwei anderen Trinkenden auch an die Bar getreten waren.

– Die Bevormundung in einer Bar oder in einem Club beginnt aber nicht erst nach dem Eintritt, sondern bereits in der Warteschlange vor der Lokalität. Es ist nämlich strengstens verboten, in der Schlange seine eigenen alkoholischen Getränke zu konsumieren. Ich habe mir sagen lassen, das sei aus versicherungstechnischen Gründen so, weil der Club/die Bar bereits hier für allfällige Unfälle haftet. Und das nehmen die Schweden wirklich ernst. Wenn ein Türsteher sich dir nähert und du noch am Trinken bist: Alkohol ausleeren und Behältnis wegwerfen! Wer weitertrinkt, kann ohne Vorwarnung aus der Warteschlange fliegen. Auch nach zwei Stunden Warten. Ja, ich habe zwei Stunden vor einem Club gewartet, aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist ungewohnt, seinen Alkoholkonsum/-erwerb dermassen planen zu müssen, aber den meisten Schweden scheint dies nichts auszumachen. Und der Erfolg scheint ihnen recht zu geben: In den OECD-Statistiken zumindest ist Schweden nach Norwegen das europäische Land mit dem geringsten Alkoholkonsum (7.2 Liter pro Jahr, in der Schweiz 9.5 Liter). Allgemein scheint es, als hätten die Schweden ein eher strenges Verhältnis zum Alkohol: Gemäss einer Umfrage (Hier, Seite 20) hält eine Mehrheit der Schweden nichts vom Trinken zwischen Sonntag und Donnerstag. Aber wenn getrunken wird, dann richtig. Allerdings nicht in der Öffentlichkeit, denn dies ist verboten. Ausser zum Beispiel in einer Studentenstadt wie Lund. Die Polizei hat ja schliesslich auch noch andere Dinge zu tun.

 (Foto Titelbild: Flickr/Ali Utku Selen)


2 Gedanken zu “Alleine zwei Bier bestellen an der Bar – in Schweden eine Unmöglichkeit

  1. Fällt mir eben ein: Bernd Gieseking, der Finnlandkenner, erwähnt zu den Restriktionen beim Bierkauf in F: ……sage ihm, möchte eine Dose Bier kaufen….geht zu dieser Zeit gesetzlich nicht nicht, aber ein Los könnte ich kaufen….. EIN LOS?…. ja, und jedes Los gewinnt: eine Dose Bier.

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