Ein U-Boot als Start-Up muss in Zürich einige Eisberge umschiffen

Version 6

Der 23-jährige Roland Arato und seine Partner versuchen im umkämpften Zürcher Adventure-Room-Markt Fuss zu fassen. Tsüri.ch begleitet die Jungunternehmer dabei ein Jahr lang auf diesem Weg, der gepflastert ist von harten Auflagen, randalierenden Kunden und unerwartetem Erfolg.

Als ich Roland Arato (23) vor einem halben Jahr zum ersten Interview traf, baute er mitten in Zürich an einem U-Boot. An keinem echten zwar, aber zumindest einem, in dem man sich so fühlt: Ein U-Boot in Form eines «Adventure Rooms». Mit Gründung dieses Start-Ups erfüllte Arato sich einen Traum. Dafür nimmt er einiges an Risiko in Kauf, denn die Konkurrenz ist gross und der Markt umkämpft. Immer wieder gilt es, Steine aus dem Weg zu räumen – manchmal auch die, welche man sich aus Unerfahrenheit selbst in den Weg gelegt hat. Tsüri.ch begleitet Arato in einer dreiteiligen Serie ein Jahr lang auf diesem Weg durch den wohl härtesten «Adventure Room», den diese Stadt zu bieten hat: den freien Markt.

Für den zweiten Teil dieser Serie habe ich Arato ein weiteres Mal getroffen, um über neu aufkommende Probleme, unerwartete Erfolge und frühere Prognosen zu sprechen. Das Unternehmen wird mittlerweile zu dritt geführt, mit Roland Arato als Gründer, Fabian Lehner (27) als operativer Geschäftsführer und Mathis Woesthoff (25), der sich um die Finanzen kümmert. Gleich geblieben ist hingegen der ungebremste Optimismus aller Beteiligter.

Dieser Optimismus ist nötig, denn neugegründete Unternehmen haben es in den ersten Jahren nie einfach. Eine Analyse von 101 gescheiterten Start-Up-Unternehmen durch CB Insights hat ergeben, dass unter anderem drei Faktoren zu diesem scheitern führen: (1) Es gibt keinen Markt für das Produkt oder wenn es einen gibt, ist dieser schon gesättigt. (2) Das Geld geht aus und man kann Rechnungen und Gehälter nicht mehr bezahlen. (3) Das Team ist nicht richtig ausbalanciert und es will beispielsweise niemand den geschäftlichen Teil übernehmen. Ob und wie die drei Jungunternehmer ihr U-Boot an solch tödlichen Eisbergen vorbei manövrieren konnten und können, erzählen sie uns im Interview.

Seit wir uns das letzte Mal getroffen haben, ist ein halbes Jahr vergangen. Lasst uns zuerst einmal über die Eröffnung reden. Uns habt ihr den 10. Oktober 2016 angegeben, in einem NZZ-Artikel stand dann November, tatsächlich eröffnet habt ihr nun am 1. Dezember. Weshalb die Verzögerungen?

Arato: Wenn es um Auflagen geht, sind viele Ämter flexibel. Wenn man zusichert, die Auflagen in nützlicher Frist zu erfüllen, kann man den Betrieb auch eröffnen, wenn er noch nicht gänzlich den Normen entspricht. Bei der Feuerpolizei geht das aber nicht: Wenn bei der Abnahme nicht alles stimmt, kann der Betrieb nicht öffnen. Wir mussten deshalb eine Brandschutztüre nachbestellen und deren Lieferzeit dauerte deutlich länger als erwartet.

In diesem Zeitraum hat direkt neben eurem Abenteuerraum ein anderer solcher eröffnet (The Escape). Was geht einem da durch den Kopf?

Arato: Lange Zeit haben wir nichts davon gewusst, deshalb standen wir am Anfang ziemlich ungläubig da. Wir haben uns erst  genervt, dann damit arrangiert und mittlerweile haben wir sogar eine gemeinsame Partnerschaft. Es gibt öfters Gruppenanfragen und wenn wir diese alleine nicht bewältigen können, geben wir auch Mal einen Teil ab. Wir sind zufrieden, so wie es ist.

Ist euch ein reibungsloser Start gelungen?

Arato: Um allfälligen technischen Problemen vorzubeugen, haben wir vor der eigentlichen Eröffnung eine Testwoche veranstaltet. Wir waren deshalb gut vorbereitet und es kam selten zu Pannen.

Woesthoff: Man darf nicht vergessen: Viel ist selbstgemachte Technik, die man so nicht im Laden kaufen kann. Wir verbessern sie  stetig, aber Pannen können nie gänzlich vermieden werden.

Auf TripAdvisor liest man viele gute Bewertungen, aber eine schlechte sticht heraus. Der Rezensent spricht von «diversen technischen Pannen» und «viel zu detailliert offenbarten Lösungen des Spielleiters». Nimmt man sich eine solche Kritik zu Herzen?

Lehner: In diesem Spiel war ich der Leiter und der entsprechende Kunde hatte recht. Bei diesem Spiel war der Wurm drin. Kameras sind ausgefallen, Türen konnten nicht geöffnet werden. Mein Fehler bestand darin, das Spiel nicht gleich kostenfrei zu machen und Gutscheine zu verteilen. Nach kurzer Rücksprache untereinander haben wir das dann später nachgeholt. Dieser Kunde darf nun unseren nächsten Raum kostenlos Probe testen, sobald dieser eröffnet wird.

Es gibt sicher Kunden, welche unkonventionelle Wege wählen, um die Rätsel zu lösen. Kommt es da manchmal zu Materialschäden?

Arato: Tatsächlich sind in diesem Bereich schon bestimmte Kosten einkalkuliert. Wenn man den Leuten das Erlebnis nicht mit zu vielen Restriktionen zunichte machen will, muss man mit gewissen Materialschäden rechnen.

Wie muss man sich das vorstellen, auf welche Ideen kommen die Leute?

Arato: Eine der Türen im U-Boot muss man aufstossen, statt sie aufzuziehen. Ein Kunde hat aber stattdessen ein Rohr vor der Türe abmontiert und dieses dann zersägt, weil er dachte, es sei Teil eines Rätsels.

Aber für diesen Fall gibt es doch Spielleiter, welche in diesem Moment eingreifen könnten?

Arato: Eigentlich schon, aber wir hatten damals noch nicht in jedem Raum Kameras installiert und der Spielleiter hat von dieser Aktion nichts mitbekommen. Deshalb haben wir mittlerweile das Überwachungssystem ausgebaut.

Lehner: Ein Paradebeispiel ist auch der Feuerlöscher. Es wird zwar vor dem Spiel darauf hingewiesen, dass der Feuerlöscher keine Attrappe ist und trotzdem hat ein Kunde einmal seine Team-Kameradin fast damit eingefroren.

Arato: Es ist ein ständiger Lernprozess!

Ist euer Abenteuerraum schwierig zu lösen?

Arato: Nur ungefähr 40 Prozent lösen alle Rätsel innerhalb einer Stunde. Vor kurzem aber ist es der ersten Gruppe gelungen, in knapp 44 Minuten zur Lösung zu gelangen – und das, ohne die Hilfe des Spielleiters zu beanspruchen.

Bei eurem direkten Konkurrent «The Escape» liegt diese Rekordzeit für das Lösen aller Rätsel bei 32 Minuten (Stand Ende Januar). Ist euer Raum zu schwer oder der andere zu einfach?

Arato: Grundsätzlich sind unsere Überlegungen für den Abenteuerraum, dass es eine Seltenheit sein sollte, deutlich weniger als eine Stunde für die Lösung zu brauchen. Frei nach der Logik, dass Kunden für eine Stunde Spass bezahlt haben und es deshalb nicht nach einer halben schon vorbei sein sollte. Die Rätsel sollten nicht frustrierend schwer, aber dennoch ihr Geld wert sein. Bei uns gilt deshalb: Wer den zeitlichen Rekord bricht, bekommt den Besuch geschenkt.

Im letzten Interview wurde auch über Werbung gesprochen. Es sollte an der Uni geflyert und auf TripAdvisor und Facebook Werbung geschalten werden. Als Zielgruppen hattet ihr vor allem junge Leute und Touristen definiert. Was habt ihr umgesetzt? Gibt es erste Erfahrungen?

Arato: Von der Uni war ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Als Start-Up, dass von UZH-Studenten gegründet wurde, hätte ich eigentlich erwartet, dass wir dort auch flyern dürfen. Das war aber nicht der Fall. Wir durften unsere Flyer nur auflegen. Dafür hat der UZH-Alumni-Verein bei uns einen Team-Event gebucht und angeboten unseren Raum in ihr Alumni-Angebot aufzunehmen. Generell hätte ich aber von dieser Seite mehr Unterstützung erwartet.

Wie sieht es mit Online-Werbung aus?

Arato: Wir haben auf Facebook Werbung geschaltet, die Zielgruppe wurde aber auf 18 bis 60 erweitert. Uns ist aufgefallen, dass das Spektrum der interessierten Leute weitaus breiter ist, als zuerst erwartet.

Auf Google seid ihr aber nicht leicht zu finden. Andere Abenteuerräume schon, auch weil viele dafür bezahlen. Wie geht ihr damit um?

Lehner: Anzeigen haben wir bis jetzt nicht geschaltet, weil wir es nicht für nötig hielten. Es sind einige Artikel über uns in den Medien erschienen, die in den Google-Suchen weit oben platziert sind. Das hilft natürlich.

Beim ersten Interview vor einem halben Jahr haben Sie, Roland Arato, für den jetzigen Zeitpunkt die folgende Prognose abgegeben: «Ich erwarte, dass „Panic Room Games“ den Leuten in einem halben Jahr ein Begriff ist und wir in den schwarzen Zahlen sind». Wurden diese Ziele erreicht?

Woesthoff: Im operativen Bereich sind wir in den schwarzen Zahlen, aber die Kosten des  Umbaus sind wir weiterhin am amortisieren.

Der Start ist also gelungen?

Arato: Das kann man sagen. Gleich zu Beginn hatten wir ungefähr 80 Buchungen, teilweise waren wir von 11 bis 22 Uhr durchgehend ausgebucht.

Wärt ihr auch in den schwarzen Zahlen, wenn ihr drei euch euren ganzen Arbeitseinsatz auszahlen würdet?

Arato: Wenn man von einem Stundenlohn von circa 21 Franken ausgeht, würden wir ziemlich sicher immer noch auf die schwarze Null kommen.

Woesthoff: Wir zahlen uns das aber nicht aus, weil es uns wichtiger ist, das Eigenkapital der Firma zu erhöhen, die Gewinne beizubehalten und liquide zu sein für den weiteren Ausbau.

Für das nun kommende halbe Jahr prognostizierte Arato im ersten Interview, dann das Darlehen von seinem Vater zurückbezahlt und einen zweiten Raum eröffnet zu haben. Zudem wird nach weiteren Standorten in anderen Städten Ausschau gehalten. Wird diese Prognose beibehalten oder gibt es  Korrekturen für in einem halben Jahr?

Arato: Das ist noch realistisch. Der zweite Raum – in welchem wir einen Banküberfall inszenieren – ist im Bau und sollte im März fertiggestellt sein. Wir haben uns zudem auch schon umgeschaut nach weiteren Standorten, wie konkret sich das aber entwickeln wird, sehen wir dann. Das würde jedoch im Konflikt stehen mit der Abzahlung des Darlehens. Beides geht nicht, zumindest nicht zur gleichen Zeit.

Ihr seid alle arbeitstätig und behandelt den «Panic Room» als bezahltes Hobby. Glaubt ihr nicht, dieses Hobby wird euch irgendwann über den Kopf wachsen, wenn ihr stetig ausbaut?

Arato: Ich bin seit heute Morgen um 5.20 Uhr wach, habe gearbeitet und bin dann zu diesem Interview gefahren. Mittlerweile ist es 22 Uhr. Und es macht mir immer noch Spass. Solange das allen so geht, wird dieses Geschäft funktionieren.

Wenn ihr tatsächlich einen zweiten Standort aufmacht, was werdet ihr mit den gesammelten Erfahrungen anders machen?

Woesthoff: Erstens: Die rechtlichen und bürokratischen Sachen zeitlich besser priorisieren. Dass eine Brandschutztüre das Letzte ist, was noch gemacht werden musste… das war gelinde gesagt nicht optimal. Zweitens: Zuerst planen, dann Kabel verlegen und erst dann die Dekoration anbringen. Drittens: Alle müssen auf Kurs sein und wissen, was ihre Aufgabe ist.

Arato: Die Motivation darf aber trotzdem nicht auf der Strecke bleiben. Planung ist nur die halbe Miete. Wenn die Freude an der Sache nicht mehr da ist, hilft die beste Planung nichts.


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