«Wer in Zürich mit dem Velo vorankommen will, muss Regeln brechen»

bikeable

Auf «Bikeable.ch» sollen die Nutzer die schlimmsten Stellen im Zürcher Veloverkehrsnetz auf eine «Wall of Shame» voten können. Was die Initianten sich davon erhoffen und wie die Stadt bisher darauf reagiert, erfahrt im Interview mit Gründer Hannes Heller.

Gemäss Verkehrsunfallstatistik kam es in der Stadt Zürich im letzten Jahr zu 460 Velounfällen –  dabei wurden 87 der Fahrer*innen schwer verletzt, zwei wurden getötet. Das sind eindeutig zu viele, fand der Student Hannes Heller und rief mit vier Gleichgesinnten das Projekt «Bikeable.ch» in die Welt, für welches sie nun in einem ersten Schritt 10’000 Franken per Crowd-Funding sammeln. Bei Erfolg überlegt man sich in einem zweien Schritt, das Projekt über die engen Grenzen der Stadt Zürich hinaus auszuweiten. Die Idee ist einfach: Die Nutzer laden Fotos von lästigen oder gar gefährlichen Stellen im Zürcher Verkehrsnetz auf «Bikeable.ch» hoch. Erhält ein Foto viele negative Rückmeldungen aus der Community, landet es auf der so genannten «Wall of Shame».  Das Konzept klingt spannend, aber ist es auch konstruktiv? Prangert es nicht nur an, statt Lösungen zu bieten? Ich traf Hannes Heller auf einen Kafi, um genau diese Fragen beantwortet zu bekommen.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

Hannes Heller: Im Jahr 2013 gab es die «Ghost Bikes»-Aktion in Zürich: Die jungen Grünen platzierten weisse Velos an Schwachstellen im Verkehrsnetz, auf denen Velofahrer zu Tode gekommen waren. Die Aktion hat medial Wellen geschlagen, schien mir aber zu wenig nachhaltig. Die Velos wurden alle wieder abmontiert und niemand sprach mehr davon. Ungefähr zur selben Zeit stellte die Stadt Zürich das «Züri wie neu»-Projekt vor: Eine Plattform, auf welcher man Mängel an der Infrastruktur einfach und direkt bei der Stadtverwaltung melden kann. Diese beiden Denkanstösse führte ich zusammen und so entstand die Idee zu «Bikeable.ch».

 

Das Besondere an der «Zürich wie neu»-Plattform scheint mir zu sein, dass der Bürger damit einen direkten Draht zur Stadtverwaltung hat oder diese zumindest suggeriert wird. Ist die Stadt Zürich in euer Projekt involviert?

Nicht direkt, nein. Am «Urban Bike Festival», wo unser Crowd-Funding seinen Startschuss hatte, konnte ich mit einigen Leuten aus der Dienstabteilung Verkehr reden. Es haben alle sehr positiv reagiert. Auf unsere offizielle schriftliche Anfrage, in der wir lang und breit erklärt haben, was unsere Pläne sind und wie wir uns ihre Partizipation vorstellen könnten, haben wir jedoch keine Antwort erhalten.

Das klingt nach einem reinen Lippenbekenntnis.

Vielleicht warten sie einfach ab. Zuerst muss uns das mit dem Crowd-Funding gelingen und dann gehen wir mit der Plattform in die Betaphase. Wenn wir mehr vorzuweisen haben, werden wir nochmals aktiv versuchen, die Stadt einzubinden. Ich glaube fest, dass es zumindest der Abteilung Velo helfen würde, wenn der Bedarf an funktionierenden Velowegen durch unsere Seite sichtbarer gemacht würde.

Es klingt, als würdet ihr auf «Bikeable.ch» nur auf Probleme hinweisen wollen. Bietet ihr auch Lösungsvorschläge?

Anfangs wollten wir das explizit nicht, weil es zu viel Aufwand bedeutet hätte. Davon zeugt unsere erste Idee für den Namen des Projekts: «Velopranger». Im Gespräch mit Nick Blake von «Imagine Cargo» (Anm. d. Red.: Ein Unternehmen für nachhaltige Logistik) hat er uns jedoch davon überzeugt, dass Lösungsvorschläge zu so einem Projekt gehören. Uns schwebt nun deshalb ein Forum vor, in welchem man nach dem Foto-Hochladen seine Lösungsvorschläge anpreisen und diskutieren kann. Zudem wird nicht mehr nur angeprangert werden, man kann auch Positivbeispiele hochladen.

Kannst du ein solches Positivbeispiel nennen?

Die Rotbuchstrasse vor dem Kafischnaps. Hier hat es breite Velowege.

Und ein Negativbeispiel?

Wenn ich aus der Langstrassen-Unterführung Seite Limmatplatz herausfahre, weiss ich nicht wohin. Dann fahre ich auf der Buslinie, wo es verboten ist. Ähnlich verhält es sich auf der anderen Seite (siehe zum Beispiel in folgendem Tsüri-Artikel).

Die Stadt Zürich hat einige Velozählstellen eingerichtet, welche an verschiedenen Orten die Velonutzung messen. Die Langstrasse wird dabei von Velofahrern am meisten befahren, durchschnittlich über 8’000 Mal pro Tag. Glaubst du nicht, die Stadt weiss schon von diesem Langstrassen-Problem und arbeitet daran? Was kann «Bikeable.ch» da zu einer Veränderung beitragen?

Unsere Welt ist nicht in Stein gemeisselt. Ich wünschte mir einfach grössere Massnahmen seitens der Stadt. Und grössere Massnahmen werden durch grösseren Druck legitimiert. Zu diesem Druck wollen wir unseren Beitrag leisten.

velofahrten_zürich

Quelle: Stadtverkehr 2025, Bericht 2015.

In Kopenhagen fahren 45 Prozent der Leute mit dem Velo zur Arbeit und in Amsterdam gehen 48 Prozent des Verkehraufkommens auf das Velo zurück. In Zürich fahren gemäss Bevölkerungsbefragung 2015 nur 13 Prozent der Zürcher täglich Velo. Was hälst du davon?

Ich finde das wirklich schade. Das Velo ist leise, es braucht keinen Platz und es hält die Leute fit. Zudem macht das Velo kommunikativer, man begegnet sich anders. Es ist ein sehr soziales Fortbewegungsmittel.

In einer Medienmitteilung erklärte Wernher Brucks von der Dienstabteilung Verkehr, dass ein Drittel der Velounfälle durch Unachtsamkeit und Regelwidrigkeiten seitens der Velofahrer entstehen. Provokativ gefragt: Inwiefern ist das sozial?

Es fahren nur 13 Prozent täglich Velo. Da fühlt man sich als Rebell. Der Groove in der Stadt ist momentan: Als Velofahrer mache ich etwas für die Umwelt, dafür kann ich auch mal über eine rote Ampel fahren. Das sollte sich ändern. Grundsätzlich würde ich mein Kind nicht in Zürich Velo fahren lassen. Es ist viel zu kompliziert, deshalb gibt es so viele Gesetzesübertretungen und darunter leidet auch die Wahrnehmung der Velofahrer. Wenn man in der Stadt anständig voran kommen will per Velo, geht es nicht ohne Regelverstösse. Ich würde meinen Kindern zu einer Gesetzesübertretung raten, wenn sie damit sicherer fahren.

Wollt ihr eine Velo-Lobby sein?

Nicht unbedingt, aber unser Projekt wurde automatisch zum politischen Projekt, denn die Verkehrsinfrastruktur wird durch die Politik bestimmt. Wie wir uns fortbewegen wird uns durch die Politik diktiert. Trotzdem ist es uns ein Anliegen, dass das Projekt «Bikeable.ch» so simpel wie möglich bleibt.

Hannes Heller und sein Team haben bis anhin knapp die Hälfte des Geldes für den Start von «Bikeable.ch» zusammen. Das Crowd-Funding läuft noch bis zum 7. Mai 2017. 

Dieser Artikel ist am 28.04.2017 auf Tsüri.ch erschienen.

 


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