Skor über Hiltl: «Es ist problematisch, wenn man Integrität mit Geld kaufen will»

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Vier Jahre nach seinem Debüt hat der Zürcher Rapper Skor sein zweites Soloalbum «Gang» veröffentlicht. Grund genug, ihn zum Gespräch zu treffen. Es geht unter anderem um Rolf Hiltl, Schweizer Rap und um «de Batze».

«I’m not a businessman, I’m a business, man» rappte Jay-Z einst. Skor scheint diese Maxime verinnerlicht zu haben, denn der Zürcher Rapper ist sich selber sein grösstes Geschäft, an dem er täglich arbeitet. Der gebürtige Horgener hat sich den Status als Zürcher Original über Jahre hinweg erarbeitet. Oder wie er es ausdrückt: «Das ist ja auf meinem Mist gewachsen». Gerade im Langstrassen-Quartier gibt es kaum jemanden, der den bärtigen Rapper mit den Locken nicht kennt. Dennoch galt er lange als szene-interner Geheimtipp – bis 2013 sein erstes Solo-Album «Und Nachteil» erschien. Insbesondere die nachdenkliche Single «I de Schwiiz» katapultierte ihn in die Feuilletons der hiesigen Medienlandschaft. Ende August erschien nun sein zweites Album «Gang», Ende Oktober folgt die Plattentaufe im Exil. Tsüri hat den Rapper zum Gespräch im Palestine Grill getroffen. Es geht darum, wann Skor die meisten Selfies mit Leuten schiessen muss, um Rolf Hiltl und die Langstrasse, und warum Skor nach 20 Jahren als Schweizer Rapper nun auch Fan von Schweizer Rap ist.

In Zürich kennt dich jede*r. Wie ist es eigentlich ausserhalb von Zürich?

Sagen wir es so: Der Fame und die Kohle sind nicht im Gleichgewicht. Ich werde in Bern erkannt, in St. Gallen oder im Bündnerland – aber natürlich ist es in Zürich viel krasser. Aber es ist nicht so, dass ich in Wädenswil aussteige und mich niemand mehr erkennt.

Ist es eigentlich anstrengend zumindest in Zürich so bekannt zu sein?

Manchmal. Es gehört zu meinem Job. Aber wenn ich mit meiner Freundin ein ernstes Thema besprechen will, kann es schon stören, wenn jemand ein paar Minuten quatschen will. In der Schweiz ist es aber angenehm, weil die Leute demütig sind. Ausser wenn der Alkoholpegel steigt, dann wird man auch in der Schweiz mutiger und will mal ein Selfie mit einem Cervelat-Prominenten wie mir. Der Selfie-Peak wird meistens zwischen halb eins und halb zwei Uhr morgens erreicht.

Du bist ein Aushängeschild des Langstrassen-Quartiers. Nun ist die Diskussion um die Gentrifizierung des Quartiers wieder ein wenig aufgekocht mit der Eröffnung vom KOSMOS und dem neuen Hiltl-Restaurant. Wo stehst du in dieser Diskussion?

Das beschäftigt mich schon, weil ich eine Stimme der Langstrasse bin. Ich finde Aufwertung nicht ansich schlecht, eine Stadt muss sich weiterentwickeln. Aber ich mag es nicht, wenn Wohnungen unbezahlbar werden und es einen Ausverkauf von Styles gibt. Wenn die Langstrasse am Ende eine Karikatur ihrer selbst wird.

Sprichst du damit auf das neue Hiltl-Restaurant an?

Ich habe nichts gegen ein veganes Restaurant an der Langstrasse, Rolf Hiltl soll das bauen dürfen. Auch das KOSMOS und das 25-Hours-Hotel sollen geschäften dürfen. Kein Problem. Ich finde es aber problematisch, wenn man sich Integrität mit Geld kaufen will. Wenn man den Namen des Vorgängerlokals übernimmt oder mit horrenden Gagen Künstler von anderen lokalen Clubs abwerben will. Wenn eine Werbekampagne an Prostituierten und Dealern hochgezogen wird. Da wird so plakativ mit meinem Quartier gespielt, dass es ein Affront für mich ist. Hier fehlt mir der Respekt. Aber schlussendlich sind das alles First World Probleme. Es raubt mir in der Nacht nicht den Schlaf.

Aber es ist ein Teil deiner Lebensrealität, du erlebst die Veränderung mit…

Das ist aber nicht schlimm. Zürich entwickelt sich und dass Zürich nicht kleiner wird, ist ja wohl allen klar. Und Wohnungen kann man eh nicht mehr bezahlen, ausser in der Agglo. Da muss sich etwas tun, aber ich bin da zu wenig informiert, um genau zu sagen, was da das Problem ist. Ich bin mir aber sicher, dass zumindest Kultur und Leben immer ihre Freiräume finden werden.

Ich habe mir deine Social-Media-Kanäle angesehen. Da läuft erstaunlich wenig für einen Musiker in seiner Promophase. Ist dir das nicht so wichtig?

Ich weiss, dass ich viel zu wenig Augenmerk auf Social Media lege. Die Eckdaten kündige ich schon an, aber ich sehe mich nicht in der Rolle des Wachrüttlers. Ich glaube nicht, dass sieben Posts pro Woche meine Reichweite extrem vergrössern würden. Deshalb bin ich nur aktiv, wenn es etwas zu erzählen gibt.

Andere Künstler auf deinem Label Bakara, wie Nemo oder Lo & Leduc, sind da um einiges aktiver. Das Label ist ja mittlerweile ziemlich erfolgreich…

Das Coole an einem Indie-Label wie Bakara ist doch, dass sie zwei, drei Künstler haben, welche sich für Schweizer Verhältnisse gut verkaufen und es sich deshalb leisten können, den Spagat zu machen, auch weniger erfolgreiche Künstler wie mich oder Tinguely dä Chnächt zu unterstützen. Besonders auch Künstler wie mich, die nicht alles sofort mitmachen.

 

Dein Album wurde neun Monate verschoben. Lag das mehr an deinem Label Bakara oder an eurem neuen Vertriebspartner Universal?

Universal hat damit gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Die haben uns den Arsch gerettet. Der vorherige Vertriebspartner Nation Music ist Konkurs gegangen und wir hatten von heute auf morgen keine Vertriebslösung mehr. Zum Glück konnten wir uns da mit Universal ziemlich schnell einigen. Es gab dann aber Planänderungen bei Bakara und summa summarum wurden es dann neun Monate. Das ist Teil des Geschäfts, wenn man das Album nicht selbst herausbringt. Ich habe gelernt, als Künstler Geduld zu haben.

Frustriert eine solche Situation?

«Frustration» ist ein grosses Wort. Das ist mir so noch nie passiert. Aber ich mache keine Musik, welche nur gerade heute funktioniert. Ich sehe mich als Künstler, dessen Musik man auch ein Jahr später noch hören kann.

Hast du seither trotzdem weiter Musik gemacht?

Natürlich, bei mir muss auch nicht jeder Song auf ein Album. Viele Raps entstehen bei mir einfach nur zum Spass. Man kann bei einer Flasche Prosecco auch mal einen lüpfigen Song machen, ohne dass dazu gleich ein Video gedreht wird. Es geht alles um den Vibe. Ich mache seit bald 20 Jahren Musik. Für mich ist Musik machen wie für andere mit dem Velo arbeiten zu gehen oder am Sonntagnachmittag Fussball zu spielen.

Du hast den Konkurs von Nation Music Mitte diesen Jahres bereits angesprochen. Auf diesem Label sind viele grosse Alben des Schweizer Raps releast worden, beispielsweise von Gimma, Baze oder Sektion Kuchikäschtli, aber auch Zürcher Rapper wie Bligg oder Semantik. Ging dir das nahe?

Nein, nah ist es mir nicht gegangen. Als Teil dieser Schweizer Hip-Hop-Kultur muss ich natürlich sagen, dass es sehr dumm gelaufen ist. Ich finde es schade, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, den Katalog so gut wie möglich zu erhalten. Auf einen Schlag waren alle Releases nicht mehr erhältlich, Künstler mussten ihre Mastertapes suchen und hochladen, damit es überhaupt wieder Musik von ihnen online gibt. Mir geht es dabei nicht mal um den Konkurs. Jeder kann Konkurs gehen. Aber so ein Konkurs kommt ja nicht schleichend. Man hätte mehr darauf aufmerksam machen müssen als das Schiff vor dem Sinken stand.

Tommy Vercetti hat sich auf Noisey empört, dass dieser Katalog einfach verloren sei und es offensichtlich niemanden kümmert, zumindest keine breitere Öffentlichkeit. Dabei handle es sich um einen «signifikanten Teil jüngerer Schweizer Musikkultur». Wie siehst du das?

So wie ich das mitbekommen habe, kümmern sich nun DJ Ilarius und der junge Label-Chef von No Hook Yanik Stebler in Eigenregie und unentgeltlich um diesen Katalog. Es gibt sicher viele Leute, inklusive mir, welche es eine Katastrophe gefunden hätten, wenn dieser Katalog verloren gegangen wäre. Aber sich den Arsch aufzureissen, um das ohne Kohle wieder «anezbügle», von diesen gibt es nicht viele. Ich hätte die Zeit nicht gehabt.

Das verläuft ja alles innerhalb der Szene. Findest du es nicht krass, wie wenig Interesse die Öffentlichkeit daran hat, dass hier ein grosses Stück Schweizer Hip-Hop-Geschichte sein jähes Ende gefunden hat?

So haben wir uns schon immer gefühlt. Einerseits sind von fünf Künstlern, welche für den MTV European Music Award 2017 nominiert sind, drei Rapper. Wenn man in die Charts schaut hat Schweizer Hip-Hop mittlerweile schon eine gewisse Relevanz erreicht. Über mangelnde Aufmerksamkeit muss sich Schweizer Rap nicht mehr beklagen. Aber andererseits: Sobald es um das Kulturelle geht, ist es leider immer noch wie früher. Schweizer Rap wird nicht ernst genommen.

Wie schätzt du die Schweizer Rapszene zurzeit ein?

Es ist die beste Zeit, die Schweizer Rap je hatte. Eine solche Vielfalt und Dichte an Qualität wie heute gab’s noch nie. Didi, Bossnak und die restlichen No Basic-Jungs, Onkel Ari oder Sektion Züri in Zürich. In der Agglo in Dietikon gibt es Physical Shock. Oder natürlich S.O.S. aus Bern. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sagen kann, ich sei Fan von Schweizer Rap. Ich habe mittlerweile dieselbe Freude an einem S.O.S.-Album wie an einem Drake-Album. Das ist für mich total auf Augenhöhe. Das war früher nicht so.

Im Video zu «Andersch isch guet» gibt es diese Szene, bei der ihr das Abendmahl nachstellt mit einigen Zürcher Raplegenden. Auf deinem Album rappst aber nur du, was für ein Rapalbum mittlerweile schon fast unüblich ist. Wie kommts?

Ich mag eine klare Linie. Ein Solo-Album ist ein Solo-Album. Ich glaube, wenn jemand eine Platte von Skor kauft, braucht es keinen anderen Rapper auf dieser Platte. Mit anderen Rappern kollaboriere ich auf «Temple of Speed» oder anderen Projekten, aber auf meinen Alben will ich solo sein.

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Du scheinst viel Wert darauf zu legen, dass dein Album in sich schlüssig ist. Es hat ein Intro, ein Outro, die Songs scheinen nicht einfach zufällig angeordnet. In Zeiten von Spotify und Playlisten wirkt das schon fast ein wenig Old-School, oder widerspricht du mir da?

Ich bin einfach ein Fan von Alben. Da merke ich auch, dass ich langsam alt werde: Ich schätze ein Gesamtprodukt mehr als nur Fragmente davon. Jeder Künstler kann eine catchy Hook einsingen und einen Hit haben, aber wenige Künstler haben Alben, welche in sich schlüssig sind. Das ist aber mein Anspruch als Künstler. Auf meinem letzten Album war es die melancholische Tristesse, es ging um die grossen Themen. In diesem Album geht es um Aufbruchstimmung und darum, eine eigene Soundästhetik zu kreieren. Mein Album hat eine Dramaturgie, ich lasse an bestimmten Orten Platz, um zu atmen, fast schon wie ein Dirigent.

Hörst du dir noch Alben von Anfang bis Ende durch?

Ja sicher. Seit zwei Wochen höre ich beispielsweise nur noch das neue Trettmann-Album. Ich komme da aus einer anderen Zeit. Damals habe ich mich vier Monate auf ein neues Wu-Tang-Album gefreut, oder die neue von EPMD. Alben waren mir immer wichtiger als Singles.

In mehreren Interviews hast du betont, dass du für dein Album einen Radiohit schreiben musstest. Es klang wie eine schwere Geburt…

Nein, so schwer war es nicht. Aber viel wurde «De Summer isch eus» nicht im Radio gespielt. Trotzdem wurde die entscheidende Schwelle überschritten: Der Song wurde überhaupt im Radio gespielt. Es ist eine einfache Rechnung: Um heute die Produktion einer Platte wieder herauszuholen, muss man so 1’500 CD’s verkaufen. Und da ist mein persönlicher Aufwand nicht miteinberechnet. Das geht offenbar kaum mehr ohne das Radio, meint zumindest mein Label. Ich weiss aber nicht, ob ich das geschafft habe. Wenn es kritisch ist, wird sich das Label schon melden.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Ich habe nun die Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bisher erschienen sind:
1. Teil: Skor über Hiltl: «Es ist problematisch, wenn man Integrität mit Geld kaufen will»
2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen» 

3. Teil: Rapper Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil:
Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»

Bildquellen: Titelbild vom Autor/Screenshot von Youtube

Dieser Artikel ist bereits am 14.10.17 auf Tsüri.ch erschienen.


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