Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»

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Der Zürcher Rapper Wicht hat seinen Rücktritt vom Rücktritt bekannt gegeben und wird am 27.10. sein Album «BlauWeiss 3» veröffentlichen. Ich habe ihn bei sich zu Hause getroffen, um über die Freuden und Leiden des Rapper- und Menschseins zu sprechen.

Am 27. Oktober erscheint Wichts neues Album «BlauWeiss 3». Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn im März des vergangenen Jahres hatte der Zürcher Rapper seine Karriere vermeintlich an den Nagel gehängt (Tsüri.ch berichtete emotional).

Im März 2016 hast du auf Facebook gepostet, dass du deine Rap-Karriere an den Nagel hängst. Wie kam es dazu?

Ich bin physisch wie auch psychisch an meine Grenzen gekommen. Ich habe meine Beziehung mit meiner damaligen Freundin verkackt. Ich hatte meinen Job im «Pomp it up» (Schuhladen im Niederdorf, Anm. d. Red.) satt, nach neun Jahren immer im gleichen Trott. Und mit der Musik ging es nicht voran. Da hatte ich einen schwachen Moment.

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Screenshot Facebook

Auf Facebook hast du als Begründung für deinen Rücktritt geschrieben, dass es in der Schweiz «keinen Platz für Individualismus und authentische Musik» gibt. Du hast damals 5’000 CHF per Crowdfunding sammeln und zahlreiche Konzerte spielen können. Hattest du trotzdem das Gefühl, dass zu wenig Resonanz zurückkam?

Es ist mehr zusammengekommen, als ich damals in meinem Facebook-Post zugegeben habe. Das war eine Trotzreaktion. Insbesondere weil viele andere weniger Resonanz bekommen für ihre Kunst und trotzdem glücklich sind damit. Ich habe dort einen Schuldigen für meine beschissene Lage gesucht, was ziemlich schwach von mir war, wenn ich jetzt darüber nachdenke.

Du hattest ja auf deinem letzten Album «Talisman» den Song «Burn-Out». War dieser streckenweise autobiografisch?

Den Song habe ich damals vor allem geschrieben, weil ich Anzeichen für Burn-Outs bei anderen in meinem Umfeld beobachtet habe. Im Rückblick betrachtet, war aber auch ich anfangs 2016 nicht mehr ganz ich selbst. Vielleicht musste ich auch deshalb bei «Pomp it up» gehen. Mittlerweile tut es mir auch leid für die, welche es gut mit mir meinten und denen gegenüber ich mich damals trotzdem unfreundlich und fahrlässig verhalten habe.

Hast du trotz deines Rücktrittes für dich weiter Rap gemacht?

Ich konnte nicht aufhören, es ist meine Leidenschaft geblieben. Die Musik war wichtig für mich, um mich von der Leere und Ratlosigkeit zu heilen, die mich dort umgeben hat. Es war keine lange Zeit, in der ich abgetaucht bin, aber damals hat es sich wie eine Ewigkeit angefühlt.

Es scheint sich viel getan zu haben in deinem Leben. Allem voran bist du Vater geworden vor fast einem Jahr. Herzliche Gratulation!

Vielen Dank. Ja, Vater zu werden hat mir viel Energie gegeben. Vor der Geburt meines Sohnes war ich eher ziellos. Seine Anwesenheit und meine Freundin geben mir viel Kraft. Mittlerweile habe ich einen Job im Service und gehe wieder zur Schule, um die Berufsmaturität abzuschliessen. Ich musste mein ganzes Leben umkrempeln für dieses Familienleben, aber jetzt ist es das Geilste!

Gibt es ein bestimmtes Ereignis, das dich dazu bewogen hat, wieder mit deinem Rap an die Öffentlichkeit zu treten?

Wir haben zum letzten Album «Talisman» einen kleinen Wettbewerb veranstaltet, welcher der Rapper Zaid gewonnen hat. Er ist dann bei mir vorbeigekommen und hat aufgenommen. Ich habe ihm meine neuen Sachen gezeigt und er meinte, es sei schade, wenn ich das niemandem sonst zeigen würde. Das hat mich in meinem Schaffen bestärkt. Zaid war eine wichtige Seele in diesem Prozess und ich danke ihm für die guten Vibes!

Zu deinem Release hast du einen Promo-Plan. Unter anderem wirst du drei Videos veröffentlichen. Weshalb dieser Aufwand? Wieso nicht einfach einen Song aufnehmen und schnell ins Internet hochladen?

Es ist gerade eine Phase, in der jeder seine Singles raushaut, aber dann kommt nichts mehr. Es fehlt der grössere Plan. Das wirkt so lieblos. Ich finde, wenn man was Gutes in den Händen hält, sollte man das auch dementsprechend geil inszenieren. Geduld ist ein wichtiger Ratgeber, wenn man als Künstler die Leute über einen längeren Zeitraum begeistern will.

Hast du vor, Konzerte mit deinem Release zu spielen?

Nein. Konzerte sind zu zeitaufwendig und finanziell zu wenig ergiebig, als dass ich dafür im Job fehlen kann. Schlussendlich ist es im Moment wichtiger, dass ich genügend «Batze» nach Hause bringe. Da kann ich nicht für 200 Stutz auftreten.

Ist «BlauWiis 3» ein Mixtape oder ein Album?

Es wird BW3 als Album mit 17 Songs zu kaufen geben. Darauf wurde alles von mir oder Bekannten produziert. Zu einem späteren Zeitpunkt veröffentliche ich BW3 dann auch online als Mixtape, welches von Boogieman gemixt wurde. Dieser Mix beinhaltet zusätzlich vier weitere Songs, bei welchen auf Ami-Beats gerappt wurde.

Du hast einige Gäste auf deinem Album, von welchen die meisten eher im Untergrund werkeln…

Ja, ich wollte diesen Leuten eine Plattform bieten. Im Gegensatz zu früher ist mein Kontakt zur sonstigen Rapszene sehr beschränkt, ich habe ja kaum Zeit für meine richtigen Freunde. Wenn ich Musik mit anderen Leute mache, ist es mir mittlerweile wichtiger, dass ich dabei eine gute Zeit habe, als dass ich mich bei jedem Feature frage, ob sich das für mich lohnt.

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Wie beurteilst du die Zürcher Rapszene zurzeit?

Ich mag, dass es so vielseitig geworden ist. Es geht mehr ab denn je. Ich höre aber vor allem die Leute, mit denen ich selbst zu tun habe. Immerhin, denn früher zu meinen DJ-Zeiten konnte ich gar keinen Schweizer Rap hören. Als ich das erste Mal eine Platte von E.K.R. in der Hand hatte, war ich eher irritiert als begeistert. Doch heute sehe ich das mit anderen Augen.

Dein Zürich-Bezug war immer stark, dein Release heisst «BlauWeiss». Wie nah ist dir Zürich heute noch?

Es gab eine Zeit in den 90er-Jahren, da war Zürich ziemlich abgefuckt. Jetzt ist alles so sauber und steril, so lieb- und leblos. Dass es an der Langstrasse kaum mehr Junkies gibt und die Beschaffungskriminalität zurückgegangen ist, finde ich ja gut. Aber dass man kaum mehr eine illegale Party starten kann, ohne dass gleich die Polizei vorbeikommt, finde ich schade. Es ist allgemein nicht mehr meine Langstrasse, meine Rote Fabrik, mein Dynamo. Mein Zürich ist nicht mehr mein Zürich, wie ich es einst kannte. Im Gegensatz zu früher könnte ich mir mittlerweile schon eher vorstellen aufs Land zu ziehen, da auch meine Familie mehr im Mittelpunkt steht als das Nachtleben von Zürich. Aber noch fühle ich mich dieser Stadt zugehörig und darum: «BlauWeiss 3».

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Ich habe nun die Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bisher erschienen sind:
1. Teil: Skor über seine Bekanntheit: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»

2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Rapper Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil: Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»

Die Artikel ist am 25.10.2017 bereits auf Tsüri.ch erschienen.

Bildquelle: Titelbild vom Autor


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