Rapper Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»

Bossnak_2 2Kaum fünf Monate sind seit Rapper Bossnaks viertem Mixtape «Haram City 2» vergangen. Nun arbeitet er bereits wieder an seinem nächsten Release. Es soll sein erstes richtiges Album werden. Ich habe den Rapper getroffen, um über Heimat, Politik, Schweizer Rap und sein Fantasy-Fantum zu sprechen.

Der Zürcher Rapper Bossnak hat mit seinem Song «Chum use» wohl den Szene-internen Sommerhit des Jahres 2017 gelandet. Das kommt nicht von ungefähr, denn Bossnak ist «nie nöd am bügle» – um es mit den Worten der Rapper von S.O.S. zu sagen. Sein letzter Release «Haram City 2» ist kaum fünf Monate her. Nun arbeitet Bossnak unermüdlich an seinem Debütalbum, das 2018 erscheinen soll. Daneben gestaltet er Merchandise für den einen Label-Kollegen Didi, promotet fleissig das Release seines anderen Label-Kollegen Don Fuego, spielt eigene Konzerte und besucht die Shows befreundeter Rapper. Bossnak gibt alles für Hip-Hop – und vor allem auch für sein Label «No Basic». Und das alles neben einem Arbeitspensum von 100 Prozent.

Ende Mai ist dein viertes Mixtape «Haram City 2» erschienen. Wie zufrieden bist du mit der bisherigen Resonanz?

Die Resonanz ist sehr gut! Dies obwohl ich in den letzten zwei Jahren kein Release hatte. Wir sind in der offiziellen Schweizer Hitparade auf Platz 12 gechartet, die Leute haben es also wirklich gekauft. Es gibt auch immer mehr Support von Leuten, welche sonst gar kein Schweizer Rap hören. Das gefällt mir sehr

Im Gesamtkontext deines eher Strassenrap-lastigen Albums sticht vor allem der Track «Sarajevo» hervor. Der Song ist autobiografisch und verarbeitet sehr bildlich, wie du und deine Familie in den früher 90er-Jahren von Bosnien in die Schweiz geflüchtet seid. Das ist lange her. Warum hast du diesen Song erst jetzt geschrieben?

Ganz ehrlich: Ich habe lange gebraucht, um diese ganze Geschichte emotional zu verarbeiten. Ich hatte lange die Grundhaltung, dass Musik Kunst sei und deshalb vor allem gut zu klingen hatte. Persönliches wollte ich nicht von mir preisgeben. Mittlerweile bin ich aber in einem Alter, in dem ich mit Kritik an solch persönlichen Songs umgehen kann.

Ist Kritik an einem solch persönlichen Song schwerer zu ertragen?

Nicht mal unbedingt das. Einen Song kann man gut finden oder nicht. Es geht mir mehr um inhaltliche Kritik. Es ist mir wichtig, dass ich mitdiskutieren kann, falls aufgrund des Songs das Flüchtlingsthema aufkommt. Es geht mir darum, dass ich meinen Standpunkt vertreten kann. Diese Reife hätte mir vor zwei Jahren noch gefehlt.

Du sagst im selben Song, dass CNN euch damals besucht hat. Sie hätten über euer Leben in der Schweiz berichten wollen, die Wahrheit aber verschwiegen. Was haben sie verschwiegen?

Nach der Flucht waren wir zuerst in einem Asylheim in Embrach und sind dann in Kloten gelandet, weil meine Eltern dort beide Arbeit gefunden hatten. CNN wollte zu dieser Zeit eine Reportage über Migranten in der Schweiz machen. Wir merkten bei ihrem Besuch aber schnell, dass ihr eigentlicher Aufhänger war, dass wir reiche Flüchtlinge in der Schweiz seien, welche locker zurück in ihr Land gehen könnten. Dieser Eindruck entstand wohl, weil meine Mutter im Wohltätigkeitsbereich arbeitete und mein Vater Ex-Fussballer und in Bosnien Nationalspieler gewesen war. Uns ging es aber gar nicht gut hier: Mein Vater war Hausabwart und meine Mutter Putzfrau. Wir lebten zu viert in einer Zweizimmerwohnung. Meine Mutter hat die Reporter damals vor die Tür gestellt und ihnen verboten, den Bericht so zu publizieren. Diese Geschichte macht mich noch heute wütend.

Der deutsche Rapper Celo ist selbst Bosnier und rappt im neuen Song«Diaspora» über seine Heimat: «Alle 50 Jahre führen wir Kriege, schliessen dann Frieden und betrinken uns wieder». Ist da etwas dran?

In meiner Generation spielt es keine Rolle, ob man Kroate, Serbe oder Bosnier ist, wir verstehen uns. Aber die Generation meiner Eltern hat den Krieg sehr bewusst erlebt. Da hat man zwar Frieden geschlossen, aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt bei manchen.

Bist du politisch? Interessieren dich politische Themen?

Weil ich selber Flüchtling gewesen bin, interessiert mich besonders das Flüchtlingswesen. Ich setze mich dort ein, sammle Spenden. Das liegt in der Familie: Meine Mutter arbeitet bei Border Free. Aus diesem Grund bin ich politisch sehr links. Ich bin mit diesen Werten aufgewachsen und habe sie für mich verinnerlicht. Aber wie bereits erwähnt, ist es mir wichtig, dass ich ein Thema zu 100 Prozent verstehe, bevor ich meine Meinung öffentlich vertrete.

Dein Rappername ist «Bossnak». Wie kamst du auf diesen Namen?

Ein Kumpel von mir meinte, als Bosnier solle ich mich doch so ähnlich nennen. Ich habe dann versucht, den Namen «rappiger» zu machen und dieses Wortspiel mit «Boss» daraus gemacht. Das war 2009. Aber: Der Name ist gut, denn er lässt sich gut googeln. Das ist wichtig heutzutage. Mein Churer Rapperkollege Ali hat es da beispielsweise schwieriger.

Auf Facebook hast du eben erst über Ali geschrieben, er sei der Schweizer Rapper mit dem besten Flow und der besten Technik. Du verteilst gerne Komplimente an andere Musiker, auch ausserhalb deines Labels. Gerade in der Hip-Hop-Szene hat man sich früher kaum gegenseitig so offen supportet. Wie kommt das?

Mein Label-Kollege Don Fuego sagt immer: «Was du gibst, kommt doppelt zurück». Ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Und Ali ist einfach eine Flowmaschine, der ist ein lebendiges Schlagzeug, immer im Takt und on point. Ganz abgesehen davon, dass er einfach «en geile Siech isch».

Gibt es nicht mal mehr den früher so starken Kantönligeist?

Nein, nicht wirklich. Diesen Geist gibt es eher innerhalb von Zürich: Hier wird dir am wenigsten gegönnt. Jeder will hier der Beste sein. In Zürich geht es viel darum, wer der Härteste ist. Zürcher Musik ist deshalb auch aggressiver als anderswo.

Skor hat dich im Interview mit Tsüri.ch positiv erwähnt. Wie stehst du zu ihm und Schweizer Rap im Allgemeinen?

Natürlich bin ich damit aufgewachsen. Wir haben schon früh Rapper wie Steezo oder Skor gepumpt. Mein Lieblingssong von ihnen ist und bleibt «Hometown». Die waren schon damals richtig big für uns. Wenn es um Zürcher Rap geht, konnte ich mich immer am meisten mit der Musik von Broken Mental identifizieren (Anm. d. Red.: Ein Rapperkollektiv aus Zürich Nord, bei welchem u.a. Steezo Mitglied ist).

Ist Rap für dich ein bezahltes Hobby?

Ja, das trifft es ziemlich gut. Bei uns ist es vor allem wichtig, die Produktionskosten zu decken. Und wenn wir noch etwas on top bekommen, fliesst das in das nächste Projekt. Natürlich träume ich davon das Hallenstadion zu füllen, aber ich bin auch happy, wenn es weiterhin so läuft wie jetzt und ich mit jedem Release neue Zuhörer dazugewinne. Ich glaube, einer nächsten Generation könnte der Schritt gelingen, davon wirklich leben zu können. Dazu haben Rapper wie Mimiks oder Xen einen grossen Beitrag geleistet – und auch wir bei «No Basic» sind daran sicher nicht unbeteiligt.

Wenn nicht der Rap, was bringt dann bei dir das Brot auf den Tisch?

Das möchte ich weitestgehend geheim halten. In meinem Geschäft wollte ich das eigentlich immer low key halten, aber mittlerweile wissen sie schon von meiner Rapper-Tätigkeit. Ich möchte das aber trotzdem nicht an die grosse Glocke hängen. Sagen wir es so: Ich berate im Finanzbereich und mache zurzeit eine Weiterbildung.

«Haram City 2» ist nicht nur digital erhältlich, sondern auch als physischer Tonträger. Wieso spart man sich diese Kosten nicht und releast nur noch digital?

Mittlerweile kommt für den Konsumenten alles aus einer Wolke. Bei der CD kann er wenigstens etwas in den Händen halten – inklusive dem Artwork. Das hat zwar bloss einen symbolischen Wert, bleibt uns aber wichtig. Zudem ist die CD ideal, um die Musik unterwegs im Auto zu pumpen.

Wie hat sich Zürich für dich verändert, seit du hier wohnst?

Es ist immer noch die beste Stadt der Schweiz. Zürich lebt 24 Stunden, hier kann man auch an einem Montag ausgehen. Die Mieten werden aber immer teurer und gerade im Kreis 4 und 5 werden die Leute aus ihrem Lebensraum vertrieben. Damit verschwindet auch die Kultur dort ­– denn Kultur hängt nicht von den Gebäuden ab, sondern von den Menschen in ihnen.

In deinen Texten hast du immer mal wieder Vergleiche und Wortspiele mit Fantasy-Anleihen – beispielsweise aus «Herr der Ringe» oder «Harry Potter». Ist Fantasy eine Leidenschaft von dir neben hartem Strassenrap?

Tatsächlich interessiere ich mich sehr für Fantasy. Nicht auf eine total nerdige Weise, aber ein Grundinteresse bleibt immer. Ich feiere beispielsweise alles, was mit Magic zu tun hat. Angefangen hat diese Faszination als Kind mit dem Game «Final Fantasy». Das ist das weltbeste Spiel. Grundsätzlich schätze ich an Fantasy, dass die Geschichten einem in andere Welten eintauchen lässt – genau wie in der Musik.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Ich habe nun die Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bisher erschienen sind:
1. Teil: Skor über seine Bekanntheit: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»

2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Rapper Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil: Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»

Die Artikel ist am 11.11.2017 bereits auf Tsüri.ch erschienen.

Bildquelle Titelbild: Flavio Leone


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