Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»

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Sam Oibel – oder Samurai – ist und war ein bekanntes Gesicht in der Zürcher Rapszene. Bis er 2010 den Hut als Rapper nahm und sich vollständig der bildenden Kunst widmete. Tsüri.ch hat den Rapper getroffen, um über Themen wie seine Rapkarriere, die Parallelen zur bildenden Kunst und Alltagsrassimus zu sprechen.

Sam Oibels letzte Ausstellung in diesem Jahr in der «Gallery Box» ist Anfang Monat zu Ende gegangen. Der ehemalige Rapper – früher unter dem Namen Samurai bekannt – ist ein Urgestein der Zürcher Hip-Hop-Szene. Im Dunstkreis von Crews wie «Bligg’n’Lexx» und «Gleis Zwei» veröffentlichte der Rapper damals vor über 15 Jahren zusammen mit Kollege Rokator seine ersten Tracks. Es folgten einige mehr oder minder erfolgreiche Projekte, bis 2010 dann sein letztes Album «Legendär» erschien. Danach verabschiedete sich Sam mehrheitlich aus der Rapszene und widmete sich der bildenden Kunst. Damit ist er ziemlich erfolgreich.

Seit ein paar Jahren bist du nicht mehr öffentlich als Rapper aufgetaucht. Stattdessen hast du dir als bildender Künstler einen Namen gemacht. Weshalb dieser Wandel?

Ich kam schon früh mit der bildenden Kunst in Berührung, weil mein Vater Trickfilmzeichner war und ist. Als Teenager habe ich viel Graffiti gemalt und bin erst später zum Rap gekommen. Gezeichnet und gemalt habe ich auch während der Zeit als Rapper, der Rap stand jedoch damals im Vordergrund. Als Jugendlicher liess ich mich zu fest beängstigen, als dass ich das Leben als bildender Künstler als ernsthaften Weg angesehen hätte. Künstler war ich aber immer.

Was hat dich dazu bewegt, dem aktiven Rapperdasein den Rücken zu kehren?

Zum einen war es der Druck, ständig etwas Gutes abliefern zu müssen, um im Gespräch zu bleiben. Andererseits hatte ich das Gefühl, ich hätte mich verbiegen müssen, um mit meiner Art von Rap erfolgreich sein zu können. Das wollte ich nicht.

Kleinere und grössere Erfolge hast du damals als Rapper ja schon gefeiert. Wie erfolgreich hättest du denn sein wollen?

Es war damals im Rap und ist jetzt in der bildenden Kunst gleichgeblieben: Ich will so erfolgreich sein, dass ich mein Leben davon bestreiten kann. Ich habe das Gefühl, dass ich mich ausser für Kunst für wenig Weiteres über längere Zeit begeistern kann. In dieser Sache bin ich gut und deshalb wollte ich immer «ums verrecke» von der Kunst leben können.

Das heisst, du konntest damals nie vom Rap leben?

Wenn ich gerade Album-Release hatte, Konzerte spielen konnte oder Partys hostete, dann hätte ich davon leben können. Nach zwei, drei Monaten war diese Phase aber jeweils wieder vorbei und ich hätte ein neues Release nachliefern müssen, damit ich nur vor der Musik hätte leben können. Das konnte ich nicht, deshalb habe ich immer neben der Musik gearbeitet.

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Sam Oibels Ausstellung «The Blessed and The Stressed» in der Gallery Box.

In den Jahren 2007 und 2008 war deine Karriere auf dem Höhepunkt. Dann kam lange nichts. Das zwei Jahr später erschienene und letzte Album «Legendär» ist dann nicht annähernd so gut gezündet wie die Releases zuvor. Wie hast du diese Zeit wahrgenommen?

Ich dachte damals, ich hätte schon genug für den Erfolg getan. Ich hatte keine Energie mehr und fühlte mich vor allem auch ausserhalb der Szene als Kulturschaffender nicht ernst genommen. Im Nachhinein ist das vielleicht blauäugig. Ich meine, schau dir Bligg oder Stress an: Die haben hart für ihren Erfolg gekämpft und fünf, sechs Jahre lang jedes Jahr ein Album veröffentlicht. Und schon zuvor haben die mit Bligg’n’Lexx oder Double Pact viel gemacht. So hätte ich das damals auch tun müssen, um an die Spitze zu kommen.

Du warst damals bei Nation Music gesignt. Das Label ist Anfang Jahr Konkurs gegangen. Damit ist auch ein Grossteil deines Katalogs aus dem Internet verschwunden und kann auch physisch nicht mehr erworben werden. Interessiert dich dieser Rap von früher überhaupt noch?

Irgendwie interessiert es mich schon immer noch. Ich weiss nicht, was mit meinem ganzen Material bei Nation Music geschehen ist. Darum müsste ich mich mal kümmern. Ich habe mich damals so intensiv mit Rap beschäftigt, hatte meine eigene Rap-Sendung im Radio und war ein ziemlicher Rap-Junkie. Mit dem Entscheid, mich von alledem zurück zu ziehen, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Dieser ganze Druck fiel von mir ab: Ich musste nicht mehr ins Studio gehen, musste nicht mehr up to date sein. Das war sehr befreiend und ist es bis heute.

Diesen Druck, den du dir im Rap gemacht hast: Machst du dir denselben Druck in deinem jetzigen Künstlerdasein?

Ja, eigentlich schon. Ich habe immer das Gefühl, ich hätte zu wenige Bilder und müsste mehr machen. Ich habe aber manchmal nicht die Möglichkeit dazu.

Hast du keine Ideen oder tatsächlich nicht die Zeit, kreativ zu sein?

Ich meine das vom Setting her. Da ich nicht von der Kunst alleine leben kann, muss ich zwei Tage in der Woche im Detailhandel arbeiten. Insbesondere weil ich Kinder zu Hause habe: Denen kann ich nicht sagen, sie sollen einfach mal eine Woche altes Brot essen. So habe ich ein bisschen Geld auf sicher und versuche den Rest mit Auftragsmalerei und den Verkauf von Bildern zu bestreiten. In meiner Vorstellung wäre es ganz einfach, von der Kunst zu leben. Aber es ist nicht die Realität. Da muss man einen guten Mittelweg finden, Wunsch und Realität zusammenzubringen, um nicht depressiv zu werden.

Brauchst du die Kunst in deinem Leben?

Ich brauche einen gewissen künstlerischen Output. Früher war das Rap, im Moment sind es Bilder und Skulpturen. Es ist interessant, auch mal mehr als nur ein mundartsprechendes Publikum anzusprechen. Bis jetzt funktioniert das gut, die Resonanz kommt aus aller Welt.

Du bist letztes Jahr mit «Viva con Agua» nach Uganda gereist (siehe TA-Bericht). Glaubst du, das wäre mit Rap auch möglich gewesen?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Knackeboul ist auch da gewesen, es hätte also vielleicht gelingen können. Aber natürlich: Ich bin mit meiner bildenden Kunst viel weiter gekommen als mit Rap, gerade weil sie visuell ist und von jedem verstanden werden kann. Wobei vor kurzem ein Radiosender keinen Bericht über mich machen wollte, weil ich «zu visuell fürs Radio» sei. Das ist jetzt ein Running Gag bei uns. Vielleicht drucke ich Shirts davon.

In einem Interview mit «Din 16er TV» aus dem Jahre 2014 erzählst du von einer Berlin-Reise, auf der die Leute viel offener für deine Kunst gewesen seien als in der Schweiz. Ist das Künstlerdasein im Ausland wirklich einfacher als in der Schweiz?

Die Wahrnehmung des Künstlers ist anders. Man wird viel ernster genommen. Man braucht dort keinen Zettel, der einen als Spezialist im Kunstgebiet auszeichnet, um als Künstler zu gelten. Zudem ist man in der Schweiz immer so gehemmt. Der Schweizer macht nur mit, wenn er sicher ist, dass es funktioniert. Wagnis ist nicht die Stärke der Schweizer Mentalität. Vieles wird hier im Prozess gekillt, das ist schade.

Ist dir Zürich manchmal zu klein oder zu eng?

Ich liebe Zürich, aber manchmal will man schon ausbrechen. Es ist ein sehr kleiner Wirkungskreis hier, und die Welt ist gross. Ich habe aber immer den folgenden Satz von Redman im Kopf:«If it’s hot to your crew, then it’s hot to the next patient». Wenn meine Kunst in Zürich ankommt, dann ist die Chance gross, dass sie auch ausserhalb auf Interesse stossen wird.

Du hast auf Facebook ein Link der Rapgruppe BSMG geteilt, den drei deutschafrikanischen Künstlern Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion. Ihr Album «Platz an der Sonne» behandelt hauptsächlich Themen wie schwarze Geschichte und das Leben als Afrodeutscher. Mit dem Song «Afro Swiss Kingz» hast du schon vor zehn Jahren ähnliche Themen angeschnitten. Wie war damals die Resonanz auf diesen Song?

Es hat mich damals niemand direkt auf diesen Song angesprochen. Aber es gab immer wieder Diskussionen. Besonders mit nicht betroffenen Leuten, die sich die Frechheit herausnahmen, mir Betroffenem erklären zu wollen, dass alles nicht so schlimm sei mit dem Rassismus. Es ist schon wichtig, da ein Bewusstsein bei den Leuten zu schaffen. Sei es die Diskussion um das N-Wort oder die Aufarbeitung der Kolonialisierungsgeschichte. Viele meinen, das sei ein alter Zopf, den man nicht mehr aufwärmen sollte, aber ich glaube, es muss noch sehr viel schwarze Geschichte aufgearbeitet werden.

Erlebst du heute noch Alltagsrassismus?

Es ist sicher nicht mehr so extrem wie früher. Vor allem wenn man bedenkt, dass es bis in die 60er-Jahre Völkerschauen im Kanton Zürich gab (siehe beispielsweise hier). Aber in meiner Jugend gab es das schon, da war es noch mehr in your face. Wenn Leute im Tram neben dir zu schimpfen beginnen und du erst nach einiger Zeit bemerkst, dass sie über dich schimpfen. Das kommt heute nicht mehr vor. Aber die Klischees vom Schwarzen als Basketballer und Kiffer bleiben. Oder dass die Leute Afrika als ein Land betrachten.

Hast oder hattest du manchmal das Gefühl, beispielsweise Jobs nicht bekommen zu haben, weil du schwarz bist?

Dieses Gefühl hat man sicher manchmal. Aber bei mir kommt das erst, wenn lange nichts funktioniert hat. Das ist die letzte Option, der letzte Erklärungsversuch. Es gab eine Zeit, da hatte ich zwei Jahre lang keinen Job – trotz guter Qualifikationen. Da fragt man sich schon, wo das Problem eigentlich liegt. Es wäre aber zu einfach, jedes Mal zu denken «Shit, is it because I’m black?». Ich weigere mich, so zu denken und alles daran aufzuhängen.

Zu Zeiten von Oibel Troibel hast du zusammen mit Rokator und anderen die Sprache der Jugend mitgeprägt. Ihr habt damals uralte Schweizer Ausdrücke wiederbelebt, indem ihr sie in eure Texte eingebaut habt…

Wir hatten unglaublich Spass an diesen alten Begriffen wie «urchig» oder «modrig», welche man nur von den Grosseltern kennt. Aber auch englische Begriffe wurden bei uns ins Deutsche übersetzt, wie beispielsweise «Mir sind dunne mitenand». Ich glaube, wir haben da schon einen gewissen Sprachgebrauch geprägt.

Wirst du viel auf deine Zeit als Rapper angesprochen?

Ich werde schon ab und zu angehauen. Nicht mehr so viel wie früher, das ist klar. Aber es kommt schon immer mal wieder jemand und rappt «Sam Oibel, scho mal öppis ghört dävo».Das freut mich schon. Ich habe früher manchmal gedacht, dass die Songs niemanden interessieren würden. Mittlerweile weiss ich, dass es doch einige berührt hat – bis heute.

Hast du manchmal das Gefühl, du seist zu wenig Kompromisse eingegangen im Rap?

Nein, nicht wirklich. Aber ich denke da an Momente zurück, in denen wir engstirnig und ein wenig radikal gewesen sind. Wir haben uns damals Dinge verbaut, weil wir nicht gecheckt haben, dass wir uns für Anfragen nicht hätten verstellen müssen, weil wir ja für unser Wesen angefragt wurden. Es war diese ewige Sell-Out-Debatte. Wir haben beispielsweise Interviews im Fernsehen abgelehnt, weil das für uns keinen Sinn gemacht hat. Nur weil wir keinen Videoclip hatten. When keepin‘ it real goes wrong. Am Ende des Tages will man als Künstler einfach gehört werden und wer was Anderes behauptet, lügt einfach.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Ich habe nun eine Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bereits erschienen sind:
1. Teil:
Skor über seine Bekanntheit: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»
2. Teil: Wicht über das Musik-Geschäft: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Rapper Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil: Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»

Die Artikel ist am 16.11.2017 bereits auf Tsüri.ch erschienen.


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