Rapper Semantik: «Die Schweiz ist ein wunderbares Land – nur das Wetter ist ein bisschen Scheisse»

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Am 23. Februar 2018 ist Semantiks Album «Sonnhalde» erschienen. Der gestandene Zürcher Rapper hat zwar einen neuen Produzenten, die Themen bleiben jedoch dieselben: Es geht um Sex, Drogen und Wahrheit. Ich habe den Rapper getroffen, um über seine ehemalige Siedlung, seine Arbeit im Opernhaus und Identitätsfindung zu sprechen.

Semantik ist ein vielbeschäftigter Mann. Heute ist mit «Cool» (Video weiter unten) der erste Vorbote zu seinem Album erschienen. Das Werk mit dem Titel «Sonnhalde» erscheint in knapp einem Monat. Das Releasedate fällt direkt in die Produktionsphase eines Stücks am Zürcher Opernhaus, an dem Sema als Bühnenmeister arbeitet. Daneben gilt es, zwei Kinder aufzuziehen und seine zweite Musikerkarriere bei der HC-Band «Cave Canem» nicht zu vernachlässigen. Trotzdem strahlt der 39-Jährige eine Ruhe aus, wie es nur jemand kann, der schon viel erlebt hat und den nichts mehr so schnell aus der Fassung bringt. Aufgewachsen in den Sozialbauten der «Sonnhalde»-Siedlung in Adlikon, hat sich Semantik in den letzten zwanzig Jahren zu einem vom Feuilleton wie der Strasse gefeierten Rapper entwickelt. Sei es sein Debütalbum «Willkomme Diheime» oder seine «GTA»-Mixtape-Reihe: Sema hat stets gezeigt, wie man unpeinlich Strassenrap mit Klassenkampf paart und statt nur den nächsten Rapper gleich das System battlet. «Sonnhalde» tut dieser Tradition keinen Abbruch. «Bliib cool, wäni chume, bliib cool»

Dein Album ist nach der Siedlung in Adlikon benannt, in der du aufgewachsen bist. Thematisch geht es auf dem Album aber nie um deine Jugendzeit dort. Weshalb hast du trotzdem diesen Titel gewählt?

Die «Sonnhalde» ist ein Mikrokosmos, welche die Welt im Kleinen widerspiegelt. Es ist ein Plattenbau mitten im Grünen. In meiner Jugend gehörte diese Siedlung der Ernst-Göhner-Stiftung und deren Häuser sowie Umland wurden entsprechend gepflegt. Man kümmerte sich um Land und Leute. Mittlerweile gehören die Blöcke verschiedenen Immobilienfirmen, welche sich nur am Profit orientieren und die Umgebung völlig verkommen lassen. Wie es den Leuten dort geht, ist denen egal. Das steht für mich sinnbildlich dafür, wo unsere westliche Gesellschaft momentan steht. Wir sind über dem Zenit. Es geht nur noch darum, möglichst viel Profit zu machen. Darum geht es bei der «Sonnhalde» und sie ist deshalb eine gelungene Metapher für mein Album.

Auf deinen letzten fünf Alben war Produzent Tibner97er von «Gleis Zwei» jeweils für den Hauptteil der Beats verantwortlich. Weshalb war das bei diesem Album nicht der Fall?

Tibner wäre bereit gewesen, mit mir noch ein Album zu machen, aber ich wollte unbedingt ein neues Soundbild für dieses Projekt.Tibner ist sehr gut darin, klassische Rap-Alben zu produzieren, aber er ist auch sehr puristisch. Ich wollte eine Vision verfolgen mit mehr live eingespielter Musik und eklektischerem Soundbild. Da wäre ich bei ihm wohl angestanden. Zudem wollte ich mein Album zu Hause aufnehmen, das wäre mit Tibner wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Stattdessen hast du für «Sonnhalde» mit dem Produzenten Eu93ne zusammengearbeitet. Wie kam das zustande?

Es war situationsbedingt. Ich arbeite 100 Prozent und habe zwei Kinder, da kann ich nicht regelmässig in ein Studio fahren und dort arbeiten. Deshalb habe ich alle Raps zu Hause geschrieben, aufgenommen, arrangiert und gemischt. Mit Eu93ne war das möglich. Wir haben uns vor drei Jahren übers Internet kennen gelernt und ich war sofort begeistert von seiner Musik. Für die Albumproduktion hat er mir nun viele Beats geschickt und wir haben öfters telefoniert. Getroffen haben wir uns aber erst ein halbes Jahr nach Arbeitsbeginn. Das war sehr speziell für mich.

War das nicht ein Risiko?

Wenn man ein wenig älter ist und schon länger Musik macht, teilt man ein gewisses musikalisches Alphabet. Ich war bei diesem Projekt nicht auf der Suche nach einem besten Freund, sondern nach einem Vibe, einem Gefühl und einem Produzenten mit einer eigenen musikalischen Sprache. Mir ist es wichtiger, dass ein Produzent eine Vision hat, und das habe ich bei Eu93ne gesehen. Nichts Schlimmeres, als wenn jemand keine Meinung hat. Dann komme ich selbst ins Hadern und habe das Gefühl, alles kontrollieren zu müssen.

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Du hast ein längeres Statement zum Konkurs deines Vertriebs «Nation Music» abgegeben. Dabei hast du geschrieben «Ich war nicht einfach, ich weiss, ihr aber auch nicht». Unabhängigkeit war dir immer wichtig. Ist das anstrengend?

Es war nie anstrengend, im Gegenteil: Ich hatte immer Freude daran. Viele Künstler sind so dankbar, wenn ein Label kommt und ihre Musik veröffentlichen will. Aber ich wollte meine Musik nie unter deren Wert verkaufen. Ich bin ein gestandener Schweizer Rapper. Ein Label muss mir nicht erklären, wie man Hip-Hop macht, denn HipHop bedeutet für mich auch, eine Attitüde zu haben und ein gesundes Mass an Einzigartigkeit. Entsprechend wollte ich künstlerisch immer die Zügel in den Händen halten. Ich bin «Nation Music» aber dankbar, dass sie den Vertrieb meiner Alben unkompliziert übernommen haben. Ich konnte mit ein paar Kisten voller CD’s vorbeifahren und sie haben alles Weitere übernommen. Jetzt werde ich wahrscheinlich selbst ein paar Läden in Zürich beliefern und den Rest von zu Hause aus vertreiben.

Du bist seit 2015 am Opernhaus Zürich und mittlerweile als Bühnenmeister tätig. Wie kann man sich diesen Job vorstellen?

Ich bin ein Bindeglied zwischen Kunst und Technik. Die Kunst hat eine Vision und diese gilt es technisch umzusetzen. Das ist aber kaum ohne weiteres möglich, weil Faktoren wie Physik, Vorschriften, Zeit und Geld hineinspielen. Am Opernhaus bin ich ein Dienstleister für die Kunst und versuche in Zusammenarbeit mit der Belegschaft, allen Illusionen gerecht zu werden.

Glaubst du, dass du für deinen Job ein besseres Verständnis für die Kunst mitbringst, weil du selbst Künstler bist?

Ich habe eine hohe Empathie für das, was die Künstler wollen, wenn es darum geht, ein Gefühl oder eine Stimmung zu kreieren. Ich habe viele Konzerte gespielt, sodass ich um die Belange der Künstler weiss. Es ist aber in diesem Moment nicht meine Aufgabe, das Künstlerische zu beurteilen. Ich will ja auch nicht, dass ein A&R (Labelmanager Anm. d. Red.) mir bei meiner Musik hineinredet. Am Opernhaus teile ich meine Meinung nur bei technischen Belangen mit.

Im Buch «Einführung in die Medienpädagogik: Aufwachsen im Medienzeitalter» zitiert dich Wissenschaftlicher Heinz Moser wie folgt: «Mein Name ist Sergej Tratar Bamonde, lebe in Zürich, gebürtiger halb Yugo, halb Spanier und zu meinen Hauptbeschäftigungen gehören Musik machen, arbeiten und meine Familie». Moser liest aus diesem Zitat Schwierigkeiten mit der Identitätsfindung heraus und dass du über die Musik einen Platz in der Welt finden willst. Geht diese Interpretation zu weit?

Ich habe dieses Zitat auch entdeckt und war ziemlich wütend, weil Moser mit mir nie darüber geredet hat. Er liegt aber mit seiner Interpretation gar nicht so weit daneben. Rap als Musik hat in meiner Identitätsfindung zwar keine Rolle gespielt, aber Rap hat uns bei «Broken Mental» zusammengebracht. Dieses Kollektiv hat dabei seinen Platz eingenommen und mir in meiner Adoleszenz sehr geholfen. Gerade weil wir alle Ausländer aus Gastarbeiterfamilien und schwierigen Verhältnissen waren. Das Schreiben im Allgemeinen hat mir jedoch geholfen, mich selbst besser kennenzulernen.

Hast du dich je einer Heimat zugehörig gefühlt?

Ich fühle mich keiner Heimat emotional verbunden, ausser dem Ort an dem ich aufgewachsen bin und das ist die Schweiz. Mir wurde jedoch kein Nationalstolz in die Wiege gelegt. Ich habe schlicht gesagt kein Gefühl dafür erfahren oder gelernt. Man kann dies als Bürde bei der Identitätsfindung betrachten und gerade als Jugendlicher war es das zeitweise auch. Es wird einem zum ersten Mal richtig bewusst, dass man weder in Spanien, Ex-Yugoslawien noch in der Schweiz wahrhaft als Mitglied der Gemeinschaft angesehen wird. Aber mittlerweile sehe ich es als Geschenk, weil ich über den Tellerrand hinausschauen kann und den Fokus mehr auf den Menschen als auf seine Herkunft lege. Ich habe mich auch erst im Alter von 33 Jahren einbürgern lassen.

Weshalb erst so spät?

Damit ich den Militärersatz nicht bezahlen muss. Man ist ja abgebrüht, wenn man als «Ausländer» aufwächst, und ich durfte für eine Adressänderung all die Jahre das dreifache bezahlen, das hat ja gereicht (schmunzelt). Ich kann mich noch genau erinnern, als ich im Zürcher Stadthaus die Empfangsdame in saubersten Schweizerdeutsch gefragt habe, wo man sich hier einbürgern lassen könne und diese zurückgefragt hat, ob ich denn nicht schon lange Schweizer sei. Ich habe erwidert: «Ach wissen sie, im Herzen schon». Daraufhin hatte sie geantwortet: «Das zählt aber nicht». Das ist genau der Grund, warum ich mich habe einbürgern lassen, weil das in diesem System nichts zählt.

Wieso hast du dir diesen ganzen Prozess angetan und bist überhaupt noch Schweizer geworden?

Nun ich bin hier geboren und aufgewachsen. Bei mir hatte das nicht mit dem Mitbestimmungsrecht zu tun, wie bei vielen. Ich stimme ab und wähle, weil ich es kann, aber deswegen bin ich nicht Schweizer geworden. Als Schweizer Bürger kann ich immer wieder in dieses Land zurückkehren, sollte ich es mal für längere Zeit verlassen wollen. Es gibt einem auch Sicherheit zu wissen, dass man nicht gleich ausgeschafft wird, wenn man mal am 1. Mai einen Stein wirft. Mein Sohn hat aber letzthin zu mir gesagt, er fühle sich mehr als Spanier, denn als Schweizer. Ich habe ihm dann geantwortet, er solle sich das nicht antun und könne mit gutem Gewissen sagen, er sei Schweizer. Denn seien wir ehrlich: Die Schweiz ist ein wunderbares Land, um hier aufzuwachsen – nur das Wetter ist ein bisschen Scheisse.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» – Gleis Zwei haben es schon vor der Jahrtausendwende gerappt. Ich habe für Tsüri.ch eine Züri-Rap-Reihe gestartet, in der die Rapper dieser Stadt nach ihrem Schaffen und Wirken befragt werden. Bereits erschienen sind:
1. Teil: Skor: «Fame und Kohle sind nicht im Gleichgewicht»
2. Teil: Wicht: «Ich kann es mir nicht leisten, Konzerte zu spielen»
3. Teil: Bossnak: «Der nächsten Generation könnte es gelingen, vom Rap zu leben»
4. Teil:
Sam Oibel: «Ich bin zu visuell fürs Radio»
5. Teil: Stereo Luchs: «Der Friesenberg hat Liebe verdient»
6. Teil: Maurice Polo AKA Steezo: «Majors wollten mich als zweiten Bligg vermarkten»
7. Teil: Lügner: «Beim Radio leiste ich Entwicklungshilfe für Schweizer Rap»
8. Teil: Didi: «Heute wie früher – Skor ist Mentor und Freund zugleich»
9. Teil: Semantik: «Die Schweiz ist ein wunderbares Land – nur das Wetter ist ein bisschen Scheisse»

Dieser Artikel ist bereits am 26.01.18 auf Tsüri.ch erschienen.

Quelle Titelbild: Fabian Wohlgemuth


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