Meinungs-Mittwoch: Ihr seid nicht meine Kumpel

Meinungsmittwoch2
Wieso können Unternehmen nicht mehr normal mit mir in Kundenkontakt treten? Im ersten Artikel der neuen Reihe «Meinungs-Mittwoch» regt sich Redaktor Marco Büsch über kumpelhafte Unternehmenskommunikation auf.

Vor kurzem hat mich mein Versicherungsberater angerufen. Er gibt sich jung und cool – macht einen auf Kumpel. Nicht, dass ich ihn jemals in Person gesehen hätte. Er fragt mich, ob ich ein Auto hätte, denn seine Versicherung sei gerade mega «giggerig» auf Autoversicherungen. Dann beginnt er zu flüstern. Er könne mir einen suuupergünstigen Deal machen. Natürlich voll unter der Hand. Also so von Kumpel zu Kumpel. Spätestens da wird es mir zuviel und ich unterbreche ihn in seinem Sermon. «Ich bin auf der Arbeit, habe kein Auto und bin grundsätzlich sehr zufrieden mit meinen bisherigen Versicherungen», sage ich.

Aber der Mann will und will nicht aufhören. Als Nächstes nimmt er sich vor, mir die dritte Säule schmackhaft zu machen, eine Veloversicherung sei auch nicht zu verachten und überhaupt würde ich zwar jetzt in der Stadt wohnen – was er natürlich weiss – und kein Auto benötigen, aber das sei doch arg kurzfristig gedacht mit den hohen Mietpreisen in Zürich und in meinem Alter stünde man doch kurz vor der Gründung einer achtköpfigen Familie. Okay, so hat er’s nicht gesagt, aber gänzlich fern der Realität ist es nicht. Welcher Kumpel würde so mit einem reden?! Jedenfalls kann ich mich dann nach fünf Minuten Dauerredeschwall seinerseits losreissen und ihm klarmachen, dass er jetzt zwar am Arbeiten sei und Geld verdiene, gleichzeitig aber mich vom Geld verdienen abhalte. Das hat ihn nicht interessiert. Ich zähle deshalb laut bis drei, verabschiede mich und lege auf. Ich bin ganz erschöpft und ziemlich sauer. Denn wenn ich eines hasse, dann ist es kumpelhafte Unternehmenskommunikation.

Diese Art der Unternehmenskommunikation ist ein absolutes Unding der neueren Zeit. Sei es deine Versicherung, Facebook oder Apple: Alle duzen dich und benehmen sich, als wären sie deine Freunde*innen. Aber was ist das für eine Freundschaft, in der sich die AGBs über drei Meter erstrecken und in Schriftgrösse fünf geschrieben sind? In der Unternehmen so viel von dir verlangen und so wenig zurückgeben? Das ganze empört mich nicht, weil ein Unternehmen per se kein Kumpel sein kann. Vielmehr handelt es sich bei jenen Unternehmen immer um gigantische Kraken, für die du nichts weiter als eine wandelnde Geldbörse bist. Oder noch schlimmer: Ein*e dümmliche*r Kund*in, der*die nur allzu einfach manipulierbar ist. Nur einmal Kumpel gespielt, ein bisschen auf die Schulter geklopft und schon meinen sie, man habe vergessen, was diese Moloch-Unternehmen manchmal für unangenehme Dinge mit einem abziehen.

Kann ein Unternehmen nicht einfach Unternehmen sein? Mir staubtrocken das geben, was ich will? Muss mittlerweile alles im Mantel der Kumpelhaftigkeit daherkommen? Denn nur eines ist schlimmer, als für eine Dienstleistung zu viel zu bezahlen: Wenn der Dienstleister dabei noch so tut, als wäre er dein Kumpel und würde dich beschenken. Ich plädiere für eine Welt, in der die Unternehmen ehrlich und transparent sind und ihre Kund*innen wie gleichberechtigte Partner*innen behandeln – und mit der ihnen gebührenden, nötigen professionellen Distanz. Also Schluss mit der Scheinheiligkeit!

Dieser Artikel ist Teil der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» auf Tsüri.ch und dort bereits am 16.05.2018 erschienen.


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