Mein Algorithmus ist wie ein kleines Kind

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Algorithmen bestimmen mittlerweile enorme Teile unseres Lebens. Heute rege ich mich darüber auf, dass jeder Klick meine Algorithmen auf Facebook und Co. weiter kaputtmachen könnte. Das hemmt und nervt zugleich.

Es ist wieder passiert: Ich habe meinen Facebook-Algorithmus ein weiteres Stück kaputt gemacht. Gänzlich unbedacht habe ich mir aus beruflichen Gründen Events in Zürich für den nächsten Monat angeschaut. Manchmal habe ich «interessiert» gedrückt, manchmal gar «teilnehmen». Facebook hat mir dabei zugeschaut und seine Schlüsse aus meinem Verhalten gezogen. So wie das ein Algorithmus halt macht: Das Programm schaut sich an, was mir gefällt und liefert mir mehr davon. Wenn mir etwas nicht gefällt, zeigt es mir entsprechend weniger davon an (mehr über den Algorithmus: hier). In diesem Falle wurde mein Algorithmus kurzerhand auf Events getrimmt. Nun bekomme ich kaum noch mit, was meine Freund*innen auf Facebook so machen. Jetzt ist mein Newsfeed voll mit Event-Tipps. Das hat man davon, wenn man sich gehen lässt.

 

In der NZZ schrieb ein Autor, sein bester Freund sei ein Algorithmus. Das ist ein schönes Bild, aber auf meinen Algorithmus trifft das keineswegs zu. Mein Algorithmus ist wie ein kleines Kind, dass einem sehr viel abverlangt. In der Gegenwart von Kindern sollte man ja immer aufmerksam sein und möglichst bewusst handeln, damit die Kleinen nicht auf die schiefe Bahn geraten. Viele pädagogisch wertvolle Gesten ignorieren Kinder einfach, aber wenn einem nur einmal ein Schimpfwort über die Lippen rutscht, kann man sicher sein, dass es wahrscheinlich das erste Wort ist, das das Kleinkind sprechen wird. Genau so funktionieren auch die meisten Algorithmen im Internet. Ich like, kommentiere, teile Beiträge von Freund*innen, von denen ich gerne alles sehen würde in meinem Newsfeed, aber Facebook ignoriert es scheinbar und spült mir nur die Hälfte ihrer Beiträge in meine Timeline. Klicke ich mich aber einmal durch Events, kann ich mir sicher sein, dass ich jetzt wohl ein Leben lang nur noch Event-Tipps bekomme.

 

Man darf mich nicht falsch verstehen: Entgegen vieler Skeptiker*innen mag ich Algorithmen bis zu einem gewissen Grad. Nicht in jedem Teilbereich meines Lebens, aber in sehr vielen. Algorithmenfreie Suchmaschinen wie «DuckDuckGo»sind grossartig, nur finde ich dort nie auf Anhieb, was ich suche. Auf Google klappt das meistens problemlos, weil Google längst weiss, wer ich bin und offensichtlich auch sehr oft weiss, was ich will. Man darf sich ja auch nichts vormachen: Sowie die digitale Welt immer mehr mit der realen Welt verschmilzt, so bestimmen Algorithmen immer mehr auch Teile unseres Lebens – leider meistens im Hintergrund.

 

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen möchte ich nicht, dass Grosskonzerne bestimmen, welche politischen Inhalte ich sehe und welche nicht. Ich will nicht, dass mein Flugticket teurer wird, nur weil sich der Anbieter sich meine IP gemerkt hat. Andererseits will ich aber lieber Events aus meiner direkten Umgebung angezeigt bekommen, als Events in anderen Ländern, welche meine Lebenswelt nicht tangieren. Ich habe viele Algorithmen in meinem Leben akzeptieren gelernt. Ich wünschte mir jedoch, ich könnte sie bewusster selbst steuern und klüger machen, denn ich will nicht bei jedem Klick überlegen müssen, ob dieser nun meinen Algorithmus in eine Richtung lenkt, die ich gar nicht will. Das käme auch Grosskonzernen wie Facebook entgegen, denn mit dem Algorithmus-Rodeo, das Facebook zurzeit betreibt, schafft es sich selbst ab. Die Angst vor dem Klick ist real: Jeder weitere könnte meinen Algorithmus auf die schiefe Bahn bringen.

Bild: Markus Spiske / Unsplash

Dieser Artikel ist am 04.07.2018 bereits auf Tsüri.ch erschienen: Hier.


Ein Gedanke zu “Mein Algorithmus ist wie ein kleines Kind

  1. Ich habe zwei Rechner. Und entsprechend auch zwei Algorithmen. Manchmal denke ich, es ist so leicht. Ist es natürlich nicht. Was bleibt: Zeitung lesen. Radio hören. Vielleicht mal nicht übers Handy. Das öffnet den Kopf. Und zieht niemanden an. Wir benutzen Dinge, die größer sind als wir. Schon immer Wer mit dem (richtigen!) Feuer zündelt, muss schließlich auch wissen, was er/sie macht. Ich denke nach wie vor, dass es eine gewisse Bequemlichkeit ist, für die wir am Rechner zahlen. Und wenn wir statt Events mal wieder was über unsere Freunde wissen wollen: einfach Suchfunktion starten. Oder anrufen 😉

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